03) Opernball, Marte Harell, die Hörbigers, Andy Warhol & der Heilige Michael

Auch wenn ich damals nicht nur wegen des favorisierten Kalkwerkjobs in Reichweite meiner Freunde am Land bleiben wollte, fand ich nach „Zwangsversetzung“ in eine Wiener Schule bald Gefallen an der Stadt.Ja, die Eltern meiner besten Kumpels aus der Hauptschulzeit in Ernstbrunn, wie auch meine eigenen, mussten uns sozusagen von der Herde trennen, da sie in uns und vor allem in unserem gemeinsamen Treiben terroristische Züge und Tendenzen zu erkennen glaubten. Meine Erinnerung kann das natürlich nur „dement“ieren. Aufmüpfige Rotzpippn waren wir allemal, aber sicher ohne Plan oder irgendeiner Grundidee. Ohne real kriminelle Ursachen liebten wir es, von den ortseigenen „Gendarmen“ mit Blaulicht und Folgetonhorn verfolgt zu werden. Mit Komplizen wie Hermann „Tscheppo“ H, Peperl „Fluni“ F & Christian „Burschl“ W, unserem Wal (von wegen Pezi, war ich natürlich der Bär), erst auf ungelenken Fahrrädern mit High-Riser-Lenker und Bananensattel, später motorisiert. Wir unfrisierte mit unseren auffrisierten ca. 6-7 PS-Mopeds und zweitere mit den damaligen, nicht viel stärkeren, dunkelgrauen Buckeln oder Scherzln, also VW-Käfern, die spätestens dann „die Patschen streckten“, wenn wir entgegen Einbahnen oder in schmale Fußwege verschwanden. Natürlich hatten wir’s drauf, das kleine rote Kennzeichen zu verbergen, nicht bedenkend, dass uns die guten Cobs sowieso alle kannten. Als wir einmal nähe Naglern(!) eine entführte, um nicht zu sagen entwendete, Draisine in den entgegenkommenden Zug der Lokalbahn donnern ließen, verletzten wir uns beim Absprung sicher heftiger als die damals maximal 3 Fahrgäste, die sich bei der eingeleiteten Notbremsung schlimmstenfalls verschluckten. Das schwerste Vergehen, es war wirklich sauschwer, war wohl das Kassiershüttl unseres Badeteiches, welches wir in eben diesen beförderten, nachdem der Eintritt um 50 Groschen erhöht wurde. Che Guevara kannten wir noch nicht, also musste erst mal Robin Hood als Ideal herhalten. Bosheiten gegenüber unsere G’stopften zählten wahrscheinlich zu den schärferen Straftaten, die weniger begüterten hatten sehr wohl unsere Solidarität, manchmal auch unsere Hilfe und die Alten durchaus unsern Respekt. Interessant nur, dass unsere allerschlimmsten, waghalsigsten und irrsten von damals, im späteren Leben brave, anständige und angesehene Anzug- und Krawattenträger wurden. Eine unapetitlichere Geschichte war, wie wir mal als Moped-Gang die Gegend verunsicherten. Schon erwähnter Peperl F und ich hatten, wie des öfteren, Mädels am Sozius dabei, noch eine Spur jünger als wir selbst. Ein paar von den anderen Bikern, keine Ahnung, was die zu sich genommen hatten, oder ob sie serienmäßige Vollkoffern waren, drängten uns beide weg von den Girls und planten offenkundig sowas wie eine Gruppenvergewaltigung. Und das waren weder Afghanen oder Araber, noch war’s in Favoriten! Es war mitten im Weinviertel und die Akteure, wenn ihre Namen zum Teil auch mit „atzka, otschnig, itzky“ oder ähnlich endeten, waren hiesige. Peperl u. ich deuteten uns gegenseitig quasi „in a sign language“ gerade noch rechtzeitig, um unsere Beifahrerinnen rauszufischen und mit ihnen vollgas das Weite zu suchen. Wir hatten die schnellsten Bikes! Danke nachträglich noch den „Friseuren“! Bin scheinbar wirklich manchmal nachtragend! Später mal erklärte mir einer dieser Koffer, daß sie’s vermutlich nicht durchgezogen hätten und zugleich aber auch „die Mädls hädn’s jo eh woin!“ Wie diese mit verplärrten Gesichtern panisch unsere Mopeds enterten, beschrieb eine andere Sprache. Mitte der 70er-Jahre galt für uns die kirtägliche Anwesenheit von Ringelspiel und Autodrom als unverzichtbarer Jahreshöhepunkt, bei dem sich immer öfter auch Zugewanderte zeigten. Vor allem zugewanderte, halbwegs gleichaltrige und „schönsprechende“ Wienerinnen, deren Eltern Wochenendhäuser in der Umgebung besaßen. Eine solcherart und -ort kennengelernte, strahlende und äußerst selbstbewusste Karin zeigte mir ihr gestriegeltes und „gekammpeltes“ Wien, während ich ihr das ungehobelte Weinviertel näherbrachte. Sie wollte mit mir zum Opernball! Also auf oder in diesen! Davor war ich schon zuvor, natürlich als Demonstrant gegen ihn und einige seiner fragwürdigen Teilnehmer, wie dem bayrischen Ministerpräsidenten, obwohl dieser ja fast so hieß, wie unser aller Walzerkönig. Mein damaliger WG- und Schulkollege Dennis, ein gebürtiger Brite, musste da herhalten und lud die gute Karin sogar noch dazu ein. Die beiden schwitzten drin, ich fror draußen, passt! Sie war dankbar. Fahrlässig lieferte sie sich mir und meinen noch zweifelhaften Moped-Fahrkünsten aus. Auf Grund eines Disco-Besuchs veranlasste mich eine immer enger werdende Serpentinenkurve des Kreuttals, statt uns „hinzulegen“, in den angrenzenden Wald zu steuern, was wir zwar sturzlos, aber nicht ohne Blessuren überstanden, da uns unzählige schwere Äste an Schulter, Armen und Waden trafen. Dass mich meine Sozia danach nicht „in den Wind geschossen“ hat, beeindruckte mich natürlich sehr, nützte allerdings nicht allzu viel und zu lange, weil auch sie meinen von mir so verehrten u. geschätzten rüpelhaften Umgang bald verabscheute. Es war eine schöne Zeit…

Nicht die Wiener Schule(n), kurzfristig die Grafische im 14ten, die mich aufgrund des mathematischen Übergewichts die Flucht antreten hat lassen, dann das musisch pädagogische Gym der Marianisten im 18ten, waren es, die meine Begeisterung für die Stadt entfachen ließen. Das war schon die Stadt selbst, die gerade im Begriff war, den lange erdrückenden Grauschleier abzulegen und sich stetig kolorierte. Weiß noch, wie wir 15-jährige geschlossen und verstohlen vom Internat der Schule ins Währinger Gürtel -Sexkino marschierten und uns so schön schuldig fühlten. Die Farbigwerdung der Stadt betraf allerdings mehr die wachsende lebendige und äußerst kreative Kulturszene dieser Zeit. Für die Besetzung der einstigen „Arena“ mit den legendären Gigs von Jack Grunsky und den „Schmetterlingen!“ waren wir zu jung. Aber Livemusik aus allen möglichen Weltengegenden in coolen und legeren Kellern und Clubs, Ausstellungen und Vernissagen, die uns Banausen zu berühren und begeistern vermochten, urgemütliche und für uns erschwingliche Beisln wie die Gärtnerinsel, die mir fast zum Wohnzimmer wurde und die Jazzspelunke begeisterten ungemein. In diese versumperte ich auch Jahre später nach einem Pat Metheny-Konzert (in den noch nicht abgebrannten Sophiensälen), bis gegen 2 Uhr morgens Pat mit seinem Keyboarder Lyle Mays dort auftauchte und bis 5 auf unvergessliche Weise seine Gitarre würgte, das America Latina, wo ich Harry Stojka kurz nachdem er erst bei uns auf Schloss Niederleis und dann nebst Santana, Van Morrison, Eric Burdon & Jimmy Cliff im Wiener Stadion aufspielte, fußfrei genießen konnte. Das Andino, das Amerlingbeisl, das Miles Smiles und Hanno Pöschl‘s Kleines Kaffee, sowie das KuKu (Im Jazzkeller des Nachfolgelokals Celeste jobte ich Jahre später noch einige Zeit als Barkeeper) und vor allem die darin befindlichen Mädels, die zum Teil ja auch aus den Bundesländern kamen, um zu studieren oder zu kellnerieren, oder zumeist beides zugleich, waren „schuld“, Wiener werden und bleiben zu wollen. In dieser Zeit, Zwentendorf war erster Anlass, begann auch meine never-ending, quasi nachhaltige, Demonstranten-Karriere. Noch nachhaltiger war aber Jahre zuvor schon ein heimliches nächtliches in Betrieb nehmen des Internatsfernsehers. Es wird wohl sowas wie „Ohne Maulkorb“ gewesen sein, das ein amerikanisches TV-Special namens „Hard Rain“ mit einem Konzert von Dylan’s Rolling Thunder Revue von 1975/76 übertrug. Unglaublich fetzige und mitreißende Musik gepaart mit vorwiegend scharfen und sozialkritischen, oft auch orts- und vor allem zeitbezogenen Texten, vorgetragen von einer heterogenen Stammcrew mit Dylan, J. Baez, Mick Ronson, Scarlett Riviera, Roger Mc.Quinn, T-Bone Burnette, Steven Soles, David Mansfield, Allan Ginsberg etc. und je nach Gegend und Geografie unterschiedlichen Gästen wie Joni Mitchell, Roberta Flack, Leonard Cohen und Mohammed Ali, die sich z.B. für die Freilassung des damals unschuldig einsitzenden farbigen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter oder für verbesserte Lebensumstände der Indianer (Indigene, wie man heute sagen sollte oder die ersten u. eigentlichen Amerikaner, wie es Dylan formulierte) in zweifelhaften Reservaten engagierten. Da wurde nicht viel herumgeeiert, die haum si echt nix g’schissn! So war es nicht weiter verwunderlich, als Joan Baez 1977 in der Wiener Stadthalle wie mehrere von uns in den vorderen Reihen mit dem gelben „Atomkraft Nein Danke“ -Button prahlte, „strahlte“ und dies entsprechend kommentierte. Sie war zuvor dicht am Wahnsinn in Kambodscha und Vietnam, später dann mitten im Jugoslawienkrieg, hielt sich nirgendwo ein Blatt vor dem Mund und Ja, „Baez for Friedens-Nobelpreis“ skandierte ich schon damals, nichts ahnend, dass Dylan den für Literatur später tatsächlich erhalten sollte. Wie weit weg war all das vom konservativ-katholischen Ministrantenleben von einst?

Also war nach dem Bundesheer klar, in Wien, das für mich auch sowas wie ein Tor zur Welt war, arbeiten und leben zu wollen. Und das am besten gleich in der City, der Wiener Innenstadt und von wegen Tor zur Welt, auch mit Touristen, getschendert natürlich! Das katholische konnte ich jedoch nicht ganz hinter mir lassen. Ich heuerte in der Michaelerkirche als Fremdenführer, Messner, Glöckner(!), Hausarbeiter und Betreuer von klassischen Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen an. Und als Teilzeit-Restaurator des „Ölbergs“, des riesigen neutestamentarischen Reliefs im Michaeler-Durchhaus. Die jährliche Korrektur und Ergänzung abgesplitterter Teile, was Stuck und auch Farbgebung anbelangt, ging auf mein Konto. In der Kirche wie auch in deren Nebenräumlichkeiten wie Refektorium und Kapitelsaal, trafen sich die unterschiedlichsten Künstler, Musiker wie Friedrich und Paul Gulda, Bildhauer wie Alfred Hrdlicka, die damals wahrscheinlich wichtigsten Maler (erinnere mich auch an eine wunderbare Ausstellung von Erika Pluhar‘s leider bald dannach verstorbener Tochter Anna) und regelmäßig auch die einstige Schauspielerelite. Wolfgang Worsch, der Pfarrer von St.Michael war auch Wiens Künstlerseelsorger. So begegnete ich bei seinen Jour-Fixe-Abenden u.a. Paula Wessely, Atila Hörbiger, Elisabeth Orth, Romuald Pekny, Georg Schuchter, Richard Eybner, der witzigerweise auch ein Freund meines Vaters war, Josef Meinrad, Romy Schneider’s Mutter Magda und Marte Harell, die einst mit Hans Moser u. Paul Hörbiger spielte. Ich traf letztere fast täglich, unterhielt mich eher profan mit ihr, da ich ihre Vorgeschichte kaum kannte. Sie bewohnte das allererste Wiener Hochhaus in der Herrengasse, wohin sie mich auch ein paar Mal zu Kaffee und Kuchen lud. Wirklich toll, der Ausblick von da oben, aber nur der zweitbeste von dem man auch den Stefansdom sah. Den besten, da näher und höher, hatte man ohnehin vom Turm der Michaelerkirche. Noch höher und näher wär’s natürlich vom Stefans-Turm gewesen, allerdings mit der Einschränkung selbigen klarerweise nicht bewundern zu können!

Einer der „jüngeren“ auffälligen, die sich hin und wieder blicken ließen, war Andre Heller. Der Franzi, wie ihn die älteren nannten, war mir zu dieser Zeit auch anderwärtig begegnet, saß ich doch in der ersten Reihe neben ihm bei Dylans allerersten Wien-Gig in der Stadthalle. Als ich einmal den letzten regulären Führungstermin in der Kirche absolviert hatte, stand noch ein Extratermin an. Am vereinbarten Treffpunkt „erschien“ ein schwarzgelockter Heller mit einer Fotografin und einem schmächtigen, eher nicht deutschsprechenden, weißbehaupteten wie es Heller ungefähr heute ist. Es war „nur“ Andy Warhol, der durch unsere Katakomben geführt werden wollte. Daraus erwuchsen mir natürlich Überstunden, denn die vielen kostbaren Zinnsärge der Adeligen, die uralten kunstvoll bemalten Holzsärge, Ruhestätte mehrerer Habsburger (meine Dienstwohnung war übrigens in der Habsburgergasse!) und des berühmten italienischen Dichters u. Librettisten Pietro Metastasio, beanspruchten natürlich jede Menge Aufmerksamkeit und Zeit. Glücklicherweise hatte ich zuvor schon viele britische und amerikanische Touris, um meine Halb- bis Dreiviertelwahrheiten über die Gruft in halbwegs gutem Englisch rüber zubekommen. Heller hatte des Öfteren geschmunzelt, Warhol, der so nebenbei bemerkt, nie bei uns ausstellte, nahm mich offenbar beim Wort. Das Trinkgeld war jedenfalls gar nicht mal so schlecht. Ich konnte nicht behaupten, sonderlich Bescheid über ihn zu wissen, oder Fan gewesen zu sein. Seine Bedeutung wurde mir wahrscheinlich erst viel später bewusst. Vielmehr hätte ich gehofft und das wäre sogar sehr naheliegend gewesen, Heller hätte John Lennon mitgebracht, mit dem er ja zuvor schon einigermaßen umtriebig war. Oder Dylan, ja das wär‘s gewesen! Naja, da hätte i sowieso kein Wort, egal in welcher Sprache, herausgebracht.

Aufgrund meiner damaligen Verbindungen und Bekanntschaften aus unterschiedlichen Kulturbereichen, wurde ich des Öfteren zu, mir bis dato weniger zugängliche oder vertraute, Festlichkeiten und Veranstaltungen geladen. So lernte ich Burgtheater, Volkstheater, das an der Josefstadt, das „Simpl“, die Volksoper und natürlich die Staatsoper, wo Strawinsky’s Feuervogel und Ravel’s Daphne & Cloe „gegeben“ wurde, von innen kennen. Letztere kannte ich, wie schon erwähnt, von außen ganz gut!

Um vor allem an Wochenenden mehr Zeit für meine privaten Verrücktheiten zu ergattern, konnte ich bald einen redegewandten Schulkollegen (er hieß tatsächlich Plibersek wie Plappersack!) aus Marianums-Zeiten als 2. Fremdenführer unterbringen. Für das 81-er Saalfelden-Jazzfestival schafften wir es jedoch beide freizubekommen, also düsten wir gemeinsam die Autobahn gen Westen. Pharoah Sanders, Lester Bowie, Billy Cobham und Pat Metheny gemeinsam mit Michael Brecker, Dewey Redman, Jack DeJohnette und Charlie Haden waren angesagt. Grund und Gründe genug, uns zu sputen …bis wir einen flotten Lancia mit italienischem Kennzeichen und weiblicher Besatzung überholten, überholen ließen, überholten, überholen ließen und schließlich nötigten, beim nächsten Parkplatz rechts ranzufahren. Wir konnten diesen Lancia überreden, uns auf’s Festival zu begleiten. Während des Topacts ließ ich mir allerdings von Walter Richard Langer, dem Jazz-Profi und -Moderator des ORF, in seiner sonoren Stimme alle nötigen Spezifitäten erklären. 2 Monate später fuhr eine italienische Sonia samt Freundin in ihrem, eh scho wissen, auf Schloss Niederleis vor und brachte mir Angelo Branduardi’s legendäres 3er-Album „In Concerto“ mit, das ich dann vielfach verborgte und schließlich 1-mal zu wenig zurückbekam.

Mit meinen und für meine Freunde/innen gabs natürlich heimliche nächtliche „Gruftparties“, wie wir sie nannten und manchmal auch mehr oder …eher weniger anständige „Happenings“ auf der ringförmigen Turmterrasse der Michaelerkirche, mit Blick auf Steffl, schräg runter auf die Hofburg, oder steil hinunter auf die Fronleichnams-Prozession (oder -Demo, wie wir dies gerne nannten) von der Herren- oder der Schottengasse zum Michaeler Platz, angeführt von Kardinal Franz König. Jahre später wurde in der Turmkammer, über eine brüchige Hühnerleiter auf einer Ebene noch höher als die Terrasse, ein Matratzenlager neben unzähligen leeren Wein- & Schnaps-Flaschen, Kiff-Stummeln und gebrauchten Kondomen entdeckt. Ich war’s nicht! Wirklich!! Meine Recherchen ergaben, es konnte eigentlich nur der Organist der Michaelerkirche gewesen sein, einer der gefeiertsten Komponisten und Dirigenten jener Zeit.

Ich war in diesen Tagen dennoch schuldig, schuldig um Mitternacht im damals gesperrten Innenring, wo höchstens Fiakerkutschen und vereinzelte Taxis oder Helmuth Qualtinger vorbei flanierten, bei Rot die vereinsamte Straße überquert zu haben. Ein übereifriges uniformiertes Organ ertappte mich und schrie „wos denkns ihna dabei, waunns do bei Rot üba’d Stroßn gengan?“. Mir fiel dazu nur ein, auf die andere Straßenseite gelangen zu wollen. Das „Organ“ perlustrierte mich, verlangte vergeblich meinen Ausweis und dann Cash, von dem ich nicht ausreichend bei mir hatte. Inzwischen waren schon 2 seiner Ordnungshüter-Kollegen herbeigeeilt und packten mich, einer links, einer rechts, während ersterer mich ins Kreuz schlug, um mich in den „Häfen“ der Rossauer Lände zu bringen. Meine Frage, was das sollte und warum sie sich aufführten wie bei den Nazis, beantworteten sie nur mit „na, is däs´leicht schlecht?“ und sie traten mich umso mehr. Die Nacht verbrachte ich auf ca. 2 x 3 Meter Beton und mehr als 6 Meter Höhe geteilt durch ein Drahtgitter vor greller Neonbeleuchtung. Meinen Kollegen oder meinen Chef zu benachrichtigen, wurde mir nicht gestattet. 2terer roch aber den Braten und holte mich, nach Suche und Nachfrage in diversen Stammlokalen, am späteren nächsten Tag aus diesem Bau. 3 Anklagepunkte (Widerstand gegen die Staatsgewalt, Erregung öffentlichen Ärgernisses und klarerweise das Rotlicht missachtet zu haben) und 3.000 Schilling waren veranschlagt. Bei anschließender Verhandlung konnte ich dank der Aussage eines Zeugen, nicht Helmuth Qualtinger‘s, sondern des Betreibers des Würstelstandes bei der Albertina, das als tätlichen Angriff bezeichnete öffentliche Ärgernis (weil’s laut diesem klar umgekehrt war) sowie einen Tausender einsparen.

Die von mir so geschätzte Vielfalt wird aktuell leider immer mehr durch unerträgliche „Einfalt“ verdrängt, nicht nur durch reaktionäre und rechtsverdrehte Politiker und deren vertrottelte Wähler, sondern auch von einschlägigen, vorwiegend muslimischen, integrationsverweigernden Zuwanderern, die eine zunehmende Ghettoisierung mancher Grätzeln bewirken. Beide Gruppen stimmen mit vielem und vor allem ihren nationalistischen Gebaren überein und treiben die „Verungemütlichung“ dramatisch voran. Zweitere Gruppe betrifft vor allem unser Wien und andere größere Städte, erstere eher den ländlichen Bereich im Land, aber diese Variable wird wohl auf der ganzen Welt ungefähr so gelten…

Den Bezug zum Land und zum Weinviertel hab ich natürlich nie verloren. Vieles von St. Michael konnte ich in unseren Jugend- & Kulturverein im Schloss Niederleis, dem ich die meiste Energie in der vor allem wochenendlichen Freizeit widmete, mit- und einbringen. Lustige und g’scheite Leute aus aller Welt, interessante bildnerische wie auch musische u. literarische Künstler bereicherten unser anfänglich unschuldiges Treiben sehr. Als ich mal mit dem Auto, meinem Partner mit der langen Schnauze, am Weg dorthin meine Eltern in Ernstbrunn besuchte, mein Bruder Wolfgang machte sich zeitgleich von seinem Architekturbüro auf diesen Weg, trödelten nur wenig später zwei Gendarmen dort ein, ja so sieht man sich wieder(!) und behaupteten, mich mit 198 km/h auf der (innerörtlichen) Bahnstraße geblitzt zu haben, nützten all meine Ausreden und Infragestellungen nix. 750 Schillinge, was natürlich eh kein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis war, musste ich diesen Wegelagerern blechen. „Weil’s Sie sind“ meinten sie, bevor sie noch hinzufügten, dass mir ein Motorrad mit eindeutig über 200 Sachen folgte, welches aus diesem Grund von ihrem Radargerät nicht mehr erfassbar war. Mein Bruder entledigte sich da in der Garage gerade unauffällig seines Sturzhelmes…