08) Per Interrail und Anhalter nach Skandinavien, England, Schottland & Irland 86

Da mittels Interrail die Möglichkeit mit der Bahn günstig durch Europa zu tingeln ab 26-jährig nicht mehr möglich war, nutzte ich noch schnell die Gelegenheit, um auch bislang vernachlässigte nördlichere Breiten aufzusuchen und sparsam einige Nächte im Zug zu verbringen. Nach vorläufiger & erstmaliger Trennung von Helene startete ich allein mit einem Zelterwerb in Hamburg, um Nächte auch günstig und stationär verbringen zu können. Die lange dienende bunte und schwere „Familiendschunke“ war von Ratten schon ausführlich angeknabbert und hatte mental ohnehin schon ausgedient. Ich entschied mich für ein kleines grünes Eineinhalb- bis Zweimann-Zelt, eine Hundehütte, wie ich es nannte, welche mit Leichtigkeit und Wasserdichtheit beworben wurde und noch dazu nicht allzu viel kosten sollte. Einweihen konnte ich es schon 2 Tage später, wieder am dänischen Roskilde-Musikfestival, dem damals größten und umfangreichsten in Europa. Wie dort um diese Zeit üblich, hatte es heftig gegossen und der endlos weite Campingplatz wurde zur Notstandszone. Mein neues Zelt entpuppte sich nur insofern als wasserdicht, indem das ungehindert eingedrungene Regenwasser nicht mehr ausdringen konnte. Die ca. 10 cm hohe Kunststoff-Bodenwanne hielt stand und ertränkte akribisch Schlafsack, Kleidung, Bücher und Rucksack. Es war mein 2. Mal auf diesem Festival und ich wollte diesmal vor allem wegen Eric Clapton, Billy Cross, Billy Bragg, Elvis Costello, den Waterboys, The Men They Could Not Hang, Giant Sand, The Madness und endlich zwecks BAP, deren Frontman ich natürlich traf, wieder dorthin. Eine große Überraschung war, meinen Freund Ivan Horn, den ich 1982 gemeinsam mit der Geigenvirtuosin Lotti Römer in der Nähe von Saint Tropez musizierend am Strand kennenlernte, dort zu treffen. Er war zweiter Gitarrist und Sänger in der Band von Billy Cross, der mir wiederum bekannt war als Lead-Gitarrist der Dylan-Tournee 1978, der wohl kommerziellsten und pompösesten des „Alten“ ever.

Bekannt kam mir auch Claptons Trommler vor, es war Phil Collins, der natürlich auch „In The Air Tonight“ mit feierlichem Intro zum Besten geben durfte. Aus dem umfangreichen und bunten Rahmenprogramm schnappte ich mir wieder einige Ideen für unsere größeren Festln in Michelstetten, die gut 100 mal kleiner waren als dieses dänische. Es gab mehrere abgesteckte Bereiche, wo man ungefähr zu 70st unter angebohrten Rohren duschen konnte. Natürlich gemischt und ohne Abtrennungen. Ebenso verhielt es sich mit „Häuseln“, wobei viele den Weg hin zu diesen speziellen Bereichen scheuten und es bevorzugten, von herumstehenden Bäumen und Sträuchern sternförmig wegzupieseln. Das komplette Festival-Areal durchzog dieses einzigartige Duftaroma, ein g‘schmackiger Cuvee nämlich von Urin und Marihuana. Ich sah mir noch das Schiffsmuseum in Roskilde und ein Konzert der Lotti Römer-Band in Kopenhagen an, bevor ich mittels Züge und Fähren Schweden und Finnland durchstreifte. In Stockholm und Helsinki war Bier schon damals zu teuer, also beschleunigte ich meine Reise und umrundete den „Meerbusen“, den ich nach Überredungskünsten der anwesenden Kinder sogar bebadete, nicht ohne zuvor noch meine Hundehütte in die Mitternachtssonne zu stellen. Naja, es war halt wie später Nachmittag oder früher Abend bei uns. Eh ganz nett! Ein paar Tage später stand ein Besuch in London an. Dort lebte schon wieder eine Christine, eine gute Freundin meines Tavernianer-Kollegen „Schlapfi“, die mir ausführlich die Stadt mitsamt ihren Bieren vorstellte. Im stimmungsvollen Edinburgh schiffte es unentwegt, wie auch in Loch Ness, dessen berühmtesten „Bewohner“ ich ganz sicher nur deshalb nicht entdecken konnte, da man höchstens 30 Meter weit in den See sah. Bald übersetzte ich endlich und erstmalig nach Irland, dessen Biere und Musik ich ja schon einigermaßen kannte. In Dublin war ich noch typisch Tourist, aber südwärts, wo das Bahnnetz immer dünner wurde und Richtung Cork wieder mal Autostopp angesagt war, änderte sich einiges. Viel Verkehr gab‘s da nicht mehr, also war klar, die erstbeste Gelegenheit zu nützen. Es hielt ein uralter 2-türiger und leicht verdellter Ford Escort mit 2 exakt gleich aussehenden in dreckigem Blauzeug gekleideten Insassen. Ich durfte auf der abgewetzten Rückbank Platz nehmen, neben einem Schwein, das mich genauso verdutzt betrachtete wie umgekehrt. So gings bis zur Ortstafel des Fischerdorfs Cobh, einer Empfehlung der bäuerlichen Zwillingsbrüder, welche sich ganz schön als Glücksfall herausstellte. Die Frage nach einem Campingplatz wurde mir von den Entgegenkommenden nicht sonderlich beantwortet, eher mit der Gegenfrage, was das überhaupt sein sollte und wozu eigentlich. Wenn’s um meine Hundehütte ging, die konnte ich offenbar hinstellen, wo ich wollte und das tat ich auch. In der Mitte des zentralen Wiesenplatzes, wir würden vielleicht Anger dazu sagen, zwischen der gotischen Kirche und den alten Bürgerhäusern wurde wohl ein würdiger Platz gefunden. Kaum war das Ding aufgestellt und den ganzen 3-viertel Meter hochgezogen, war es schon umringt von einer Gruppe von Kids und Jugendlichen mit Hund (das passte wohl!). Ich selbst schlief in dieser Woche keine einzige Nacht im Zelt, dies taten abwechselnd letztere samt Hund, während ich bei den jeweiligen Eltern pennte. Die Mütter bekochten mich und mit den Vätern gings zum Guinness ins Pub. Ein Vater zeigte mir am örtlichen Friedhof u.a. die vielen Gräber von Kindern, die Opfer heimtückischer Anschläge von angeblich Protestantischen Extremisten wurden, indem man in ihre Puppen und Teddybären Bomben verpflanzte. Mit Shane, dem Jungen dieses Vaters, hatte ich länger noch Briefkontakt, jawohl, da schrieb man sich noch! Ich blieb noch übers Wochenende, da rings um die Hundehütte ein riesiges Folk- & Dance-Festival stattfand, das ich zwar ohne übliche Tracht, aber tanzend und grölend mitzelebrierte. Obwohl ich im irischen Meer auch ganz gut und erfrischend schwimmen konnte, führte die Reise dann doch noch in wärmere Gefilde wieder mal nach Südfrankreich zu meinem damaligen „Zweitwohnsitz“ am Hügel vor La Croix-Valmer. Beim Autostopp am Weg dorthin, hielten 2 Spanierinnen in einem knalligen R5…