Vom Abklappern der Freund- & Bekanntschaften letzterer Jahre in den spanischen Adel und von der Flucht in Sevilla wie auch in Tanger 1987: In diesem Herbst hatten wir in Michelstetten eine äußerst ereignisreiche Saison hinter uns. Nach mehreren Jazz-Abenden, dem jährlichen Folk- und natürlich dem Dylan-Festival & einem Afrika-Special, schafften wir mit dem Fest für Greenpeace samt Anwesenheit des von uns mitfinanzierten Aktions- oder Labor-Bus, bei dem über 1000 umtriebige Leut unseren Kulturhof heimsuchten, ein würdiges Finale. Mo und seine Gangsters In Love wollten, nachdem sie sich über die Zeitverschiebung aufgrund der vielen beteiligten Bands davor mo-kierten, bis 4 Uhr in der Früh „lächelnd“ Rosen nach Amerika geschickt bekommen! Wuascht, der Gig war grandios und die Liebesgängster saßen danach noch vergnügt mit ihrem Chef bis 6 bei Monty Python’s „Life Of Brian“ im Stadel, ehe dann final noch „Hallo Dienstmann“ nachgereicht wurde. Privat befand ich mich wieder zwischen 2 Jobs (und 2 Frauen) und beschloss die zeitliche Lücke mit einer ausführlichen Reise zu füllen und mehrere in den vorangegangenen Jahren kennengelernte FreundInnen endlich mal heimzusuchen. Nach erster Station in Zürich und einem überdrehten Abend mit meinen dortigen Bekannten in der „Fabrik“, landete ich in Rouen, die Stadt der Jeanne d‘Arc in der Normandie. Ich traf Veronique, Sophie & Caroline, die zuvor von einem Bauorden ausgerechnet nach Michelstetten geschickt wurden, um uns bei der Sanierung des Bauernhof-Daches zu helfen. Mit dabei waren damals auch Michel aus Paris und der ursprünglich aus Kenia stammende Pascal, die sich neben dem Dach auch der örtlichen Fußballmannschaft widmeten und diese derart bereicherten, dass die M‘stetter im gesamten Weinviertel so ziemlich alles „niederspielten“. Die beiden wurden richtige Superstars und begehrte Tanzpartner bei Kirtagen und Feuerwehrfesten und beliebte Fotomotive, oder wie Pascal, vor allem auch Anstarrobjekt. Als ich eine etwas reifere Damenrunde darauf ansprach, bekam ich zur Antwort, dass sie noch nie einen N… in Natura gesehen hätten und ihre Fernsehgeräte nur schwarz-weiß liefern konnten. Ich dachte mir damals, naja, schwarz oder weiß ist doch ohnehin niemand, wir sind ja alle irgendwie und irgendwo dazwischen. Und das fand ich gut und auch schön so, was die illustre Damenrunde gar nicht mal anzweifelte. Eine der Damen preschte sogar vor und befand Pascal viel schöner als ihre blassen Landsleut. Sie konnte es sich auch nicht verkneifen, mich zu fragen, ob gewisse Klischees über Afrikaner, oder eigentlich nur eines(!), wirklich stimmte… Zurück in die Normandie: Ich konnte bei Veronique und ihren Eltern in einem Dorf etwas außerhalb von Rouen residieren, am Hof und im Apfelgarten mithelfen und mich an „selbstgebrautem“ Käse, Cidre und Calvados ertüchtigen. Sophie entführte mich in ihr Stammbistro und Caroline begleitete mich noch zum Dylan-Gig nach Paris, bevor ich gen Madrid aufbrach. Nachdem das Konzert gleich mit flottem Reggae begann, meinte Caro, dass Bobby sich mehr nach Marley als Dylan anhörte. Egal, sie war tapfer…
Als ich bei meiner Connection in der spanischen Kapitale eintraf, wusste ich nur so viel, dass Marta, die Tochter des Hauses 1 Jahr zuvor gemeinsam mit ihrer besten Freundin Nuria mich beim Autostopp in Südfrankreich auflasen und wir dort ein paar gemeinsame Badetage hatten. An der angegebenen Adresse zweifelte ich erstmal an der Richtigkeit, war es doch ein moderner, quasi Designer-, aber Prunkbau inmitten Madrids. Das gesamte Haus wirkte wie ein Museum oder eine Galerie. Nach und nach lernte ich Martas Leute kennen und ich benötigte einigermaßen Zeit, um ihre Eltern und generell rauszufinden, wer da wer war. Unter den Gästen war ich nur einer von vielen. Die Mutter war eine bekannte und wichtige Architektin und einer ihrer „speziellen“ Gäste war Superguitarrero Paco De Lucia, den ich natürlich als solchen erkannte. Einer der Freunde und Stammgäste des Vaters und Politikers war eh nur Juan Carlos, der König! Wie sich noch herausstellen sollte, hatten die Maranons, wie die Familie hieß, selbst adelige und königliche Wurzeln, was mit einer Vorfahrin namens Isabella II von Spanien gipfelte. Sehr interessant war ein ganz anderer Gast. Wir wurden einander vorgestellt, als sollten wir uns ohnehin kennen, nur weil wir beide Österreicher waren. Peinlich, dass ich ihn nicht kannte. Dass er mich nicht kannte, war klar. Er war Carlos Kleiber, unter anderem Dirigent österreichischer Neujahrskonzerte. Da er mich nicht nur mit seinen Erzählungen schwer beeindruckte, sah ich mir ein solches Konzert ein paar Jahre später erstmalig komplett und live an, obwohl die vorangehende Silvesternacht exzessiv genug war… Bis zu dieser Zeit hatte ich die Florenzer Uffizien und auch das Guggenheim von Venedig inspiziert, im Wiener Naturhistorischen jobbte ich sogar einst ferial, den Louvre in Paris hatte ich trotz mehrerer Gelegenheiten bis dahin geschwänzt, jetzt aber hatte ich die Möglichkeit nur ein paar Gassen vom Domizil der Familie entfernt, das Museum schlechthin zu besuchen, das oder den Prado von Madrid. Einen ganzen Tag hatte ich darin verbracht und dennoch empfand ich, nur einen Bruchteil davon gesehen zu haben, welcher meine Aufmerksamkeit allerdings fast über Gebühr beanspruchte. Papa Maranon schnappte irgendwann Marta, Nuria und mich, um mit nach Toledo zu seinem Sommerdomizil am anderen Ufer des Tejo zu kommen, mit riesigem Pool bei Blick auf die Altstadt gegenüber! Ich hätte das restliche Jahr oder länger dortbleiben können oder dürfen, wollte aber im November noch bis Saint Louis und Dakar gelangen, um 2 Musiker zu besuchen, die Monate zuvor bei unserem Afrika-Event in M-Stetten auftraten. Also machte ich mich auf den Weg Richtung Algeciras, wo die Fähre nach Marokko lag, aber nicht ohne Proviant in Form von Adresse und Empfehlung von u. für Martas Großeltern in Sevilla. Diesmal war ich nicht mehr so sonderlich verwundert, als ich dann laut angegebener Adresse direkt vorm Alcazar, dem Schloss von Sevilla stand, einer perfekten Symbiose von Orient und Okzident, die fragile maurische (islamische) mit christlichen Elementen vereint. Tatsächlich bewohnten sie den herrschaftlichen Nebentrakt und empfingen mich sozusagen mit allen Ehren. Ich bezog prunkvolle Räumlichkeiten, bekam einen Buttler abgestellt und wurde 3 x täglich königlich bewirtet. Auch sie hatten laufend Gäste, ältere klarerweise, aber unglaublich empathische. Allesamt Spanier, sprachen sie in meiner Anwesenheit ausschließlich Englisch. Sie wussten unglaublich viel über unsere damalige Welt, noch dazu aus einer Perspektive, die mir bis dahin völlig fremd war. Nach 3 Tagen allerdings war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich diese Fürsorge wirklich gebührend zu schätzen im Stand war. Daher beschloss ich mich mit vielem Dank und ein/ zwei Anekdoten aus „Österreich-Ungarn“ zu verabschieden. Die Geschichten, die ich dort zu hören bekam, waren sowieso unbezahlbar. „freedom’s just another word, for nothing left to lose!“ Am selben Abend noch begab ich mich in die Gosse, die Favelas, die Slums, in das Rinnsal oder auf einen Gehsteig halt, wo ich nicht ganz so verwöhnt in meinem Schlafsack zu nächtigen versuchte …bis Marco kam. Marco war ein attraktiver schwarzgelockter vermeintlicher Latinlover, dem die halbe Damenwelt Sevillas zugetan sein musste. Ohne zu zögern, nahm ich seine Einladung, mit ihm einen Flamencoabend zu verbringen, an. Hmm, Marco war schwul, stockschwul! Egal, der Flamencoabend war wirklich sehr leiwand und Marco ein unaufdringlicher, aber lustiger Zeitgenosse, der mich nach Mitternacht & Sperrstunde hin zu meine 2 Quadratmeter zwischen mehreren „anderen“ Obdachlosen begleitete. Natürlich versuchte er mich noch zu überreden, zu sich mit nach Hause zu kommen. Nicht dass ich mich davor zu sehr fürchtete, ich hatte es wirklich nötig, diese Nacht auf geplante Weise zu verbringen. Er legte sich noch kurz neben mich, eher er sich, vor Kälte zitternd, mit einem Küsschen auf meine Stirn und „buenas noches, mi querida“ verabschiedete…
Per Bus gelangte ich „zügig“ zur Fähre, die mich samt imposanter Delphin-Begleitung nach Tanger brachte. Obwohl ich zuvor schon, noch in den Siebzigern, mit Bruder Wolfgang und seiner damaligen Lebensgefährtin Edith, Marokko per mit Steinen beworfenem Auto inspizierte, gelangte ich diesmal gleich in mehrere Touri-Fallen. Nähe Bahnhof beschlossen mir, ein paar halbstarke (mehr halb als starke) Burschen, ob ich wollte oder nicht, die Stadt zu zeigen. Nach heftigem Streit um Bezahlung, kamen (wie durch ein Wunder!) etwas ältere Typen daher, um mich aus dieser Situation zu retten. Sie entpuppten sich als noch viel bedrohlicher und wollten von mir ein Vielfaches für ihre heldenhafte Befreiungsaktion. Es schien mir schon aussichtslos da unbeschadet rauszukommen, als eine nächstgrößere Truppe in Form von Polizisten auftauchte. Kurz dachte ich noch den Irrwitz überstanden zu haben, als mir langsam klar wurde, jetzt endgültig in der Scheiße zu stecken. Die Bullen taten, als fischten sie ein Drogenpackerl aus meinem Rucksack und zwangen mich, ihnen meine komplette Barschaft samt Pass zu übergeben. Sie erpressten mich, denn mir war natürlich klar, dass Aufenthalte in dortigen Häfen nicht begrenzt sind und Folter sowieso an der Tagesordnung ist. Mein Bares war ihnen zu wenig und sie schnappten mich, einer links, einer rechts (hatte da ein grelles Déjà-vu!). Als sie kurz von einer ähnlichen Szenerie abgelenkt wurden, ergriff ich die Chance und lief so schnell und zickzack(!) ich konnte, zum Zug, der sich gerade in Bewegung setzte. Noch nie hatte bis dato jemand nach mir geschossen, ja dies war mein Erstes Mal! Hab jetzt noch das scharfe Knallen der Geschoße auf das Eisen der Bahn im Ohr. Somit verbrachte ich nicht einmal eine Nacht in Tanger. Eines vorweg, ärger wurde es nimmer. Nach 2 Tagen in Marrakesch, das mir damals schon zu sehr Bilderbuch und touristisch vorkam, landete ich in 1000 & 1 Nacht, nämlich in Essaouira, meinem heiß ersehnten Wallfahrtsort, denn hier residierten kurzfristig schon mal, aus welchen Gründen auch immer, Jimi Hendrix, Joni Mitchell und Carlos Santana. Es war wirklich wunderbar und ich Verstand den Mythos als Sehnsuchtsort für Kreative. Weniger kreativ fand ich eine Einladung, die wieder in Erpressung mündete. Ja, zum großen Fischessen am Strand durfte ich mitkommen, von dort aber erst nach Abgabe des Doppelten, das ich in einem Luxusrestaurant bezahlt hätte, wieder verschwinden. Ich ließ die Hälfte dort und rannte wieder mal, was das Zeug hielt, Mahlzeit! Nach recht angenehmen Aufenthalten in Tafrout und Tiznit und in 2 Berberdörfern am Rand des Atlasgebirges wie auch in Sidi Ifni und Mirleft an der Atlantikküste gelangte ich in die Westsahara. Übliche öffentliche Verkehrsmittel gabs dort nicht mehr. Man musste in wechselnden Militär- Jeeps oder Landrovers jeweils 80 bis 100 km mitgenommen werden, was zusehends schwieriger wurde, da bei jedem Stopp oder Fahrzeugwechsel das Gepäck der Insassen auf der Piste unter vorgehaltenen Maschinengewehren entleert und kontrolliert wurde. Da ich einziger Auswärtiger und mit üppigem Gepäck unterwegs war, kostete ich die meiste Zeit und den größten Ärger aller Beteiligten. Deshalb wurde erstmal ein mehrtägiger Zwischenstopp eingelegt und Boujdour, nicht mehr allzu weit von der mauretanischen Grenze entfernt, war der auserwählte Ort. Es gab ein einziges Hotel im Ort, was mir die Qual der Wahl ersparte. Ich wurde der einzige und erlesene Gast, bekam das einzige und unverschließbare fensterlose Zimmer und wurde tatsächlich von der nur geringfügig verschleierten, Tochter oder Schwester (war mir bis zuletzt nicht ganz klar) des geringfügig muslimischen Wirten mehr als nur kulinarisch verwöhnt. Ein großes anderes Privileg wurde mir insofern zuteil, indem ich zum Ehrengast bei einem ganz besonderen Ereignis auserkoren wurde. Boujdour bekam seinen ersten und bis dahin einzigen Fernseher und die Gaststube des Hotels bot den erhabensten Platz hierfür. Mein Wirt lud den gesamten Ort zur Einweihung und machte aus einem unscharfen verwackelten chinesischen Kampfvideo mit arabischen Untertiteln quasi eine Kino-Premiere. Ich bekam einen rosa-überzogenen Großvater- oder Ohrwaschelthron direkt vor und unter dem Fernseher gestellt und durfte oder musste 3 Stunden lang höflichkeitshalber ausharren. Neben und hinter mir gabs nur sowas wie grindige Heurigenbänke, auf denen so ziemlich die gesamte Ortsprominenz Platz nahm und jubelte. Vor dem Eingang bildete sich auch noch eine schier endlose Schlange, die ich durchaus beneidete, da sie weder optisch noch akustisch viel von dem Ereignis mitbekommen konnte. Tage danach war ich über Dakhla bald an der mauretanischen Grenze angelangt, wurde aber trotz einfallsreicher Bestechungsversuche mit der Begründung des Polisariokrieges nicht rüber gelassen. Die für zuletzt geplanten Besuche im Senegal wurden somit, nicht zuletzt auch da mir einfiel, in Wien längst und vielleicht sogar sehnsüchtig erwartet zu werden, vorerst mal auf Eis gelegt, welches aufgrund der afrikanischen Hitze irgendwann auch wieder schmelzen sollte. Ein späterer ausführlicher Marokkobesuch, bei dem die Bullen offenbar dazu abkommandiert waren, den Touristen möglichst keine Unannehmlichkeiten zu bereiten, fiel bedeutend freundlicher und entspannter aus. Und Marta Maranon ist heute Initiatorin und Vorsitzende eines namhaften Hilfsprojektes in Afrika…














