11) Fall der Berliner Mauer & des Eisernen Vorhangs: Tschechien, Slowakei, Ungarn und Polen

1989 hatten wir zum 3. und letzten Mal den Ostbahnkurti zu Gast in Michelstetten. Eine Super-Geschichte, wie auch Glasnost & Perestroika, aber auch „a blede G’schicht“, wenn ich an Kurtl’s flüssiges Catering denke. Er bestellte, wie üblich bei uns, seinen Spritzwein in einer Doppelliterflasche, bekam aber aufgrund einer peinlichen Verwechslung innerhalb der spätabendlich wahrscheinlich schon angeschlagenen Lieferkette zwischen Bar und Bühne, einen Doppler pur serviert …und trank auch diesen unreklamiert und sogar unkommentiert trocken. Der Gig dauerte fast 4 Stunden und wie Keyboarder Mario Adretti u. Bassist Charly Horak danach zu erzählen wussten, hatte der Kurtl zuletzt dann nicht nur keine Ahnung mehr, was sie schon gespielt hatten, sondern auch davon, was sie noch spielen könnten, weswegen lautstark moderiert wurde, auf der Bühne ein Lagerfeuer zu zünden und „House Of The Rising Sun“ anzustimmen. Man sah dann doch noch davon ab und nebst unzähligen anderen Zugaben wiederholte man „Feia“, auch ohne brennende Bühne, aber unter tosendem Applaus…

Gerade von M-stetten aus sind es höchstens mal 20 km zur tschechischen Grenze und bis in diese Zeit hatte ich von der anderen Seite keine Vorstellung, außer von tristem „Ostblock- Grau in Grau“. Als ich dann nach Öffnung dieser Grenzen gleich mit meinen Leuten auf Erkundungstour fuhr, war ich Ortsbildfetischist einigermaßen überrascht. Das „Grau“ gabs sehr wohl, aber die vielen so sehr unverschandelten Schmuckstücke von Ortschaften der Tschechoslowakei und Polens hatten es uns angetan. Größtenteils aus Geldmangel hat man diese Perlen dort, wie Telc, Cesky Krumlov, Litomisl, Pilsen, Prag, Wroclaw (Breslau), Krakow, Cicmany, Vlkolinec und Banska Stiavnica von riesigen „Schiachbauten“ verschont. Fortan verbrachten wir viele Wochenenden dort, mit Rafting-Touren an der Moldau, Wanderungen in den Felsen-Labyrinthen des Riesengebirges, Motorrad-Expeditionen in die Fatra oder Berg- und Ski-Touren in der Tatra. Den höchsten Berg Polens „entweihte“ ich gemeinsam mit Waltraud dann in den späteren 90ern. Indem wir bis ca. 1.300 m hoch mit dem Fahrrad rauf konnten, sparten wir Zeit und schafften den Rest bis zum 2.500 m -Gipfel und retour in nur wenigen Stunden. Probleme bekamen wir nur in den Fingern, da die lange und steile Strecke bergab, mit beiden Händen ununterbrochen an den Bremsen des Radls, lästige Krämpfe verursachte. Und einige Male feierten wir in größerer Zahl auch Sylvester dort. Die tschechische Bierkultur, wo man im sogenannten „Hostinec“ extrem süffigen, g’schmackigen und billigen Hopfentrank bekam, hat es uns wahrlich angetan. Wenn nur mehr ein 3 cm „Hansl“ im Glasl war, wurde selbstredend und mit cremigem Schaum ein neues volles gereicht! Wenn auch die politische Entwicklung in diesen Ländern sich jetzt immer besorgniserregender darstellt, wird’s Zeit, dort wieder mal nach dem „Linken“ zu sehen, solange dies noch irgendwie möglich scheint. Und nach 16 grauslichen Orban-Jahren möchte ich irgendwann auch wieder nach Ungarn pilgern, ja echt, liebe Marica, das könnte bald mal passieren. Einst war’s das grandiose Amnesty-International-Benefiz in Budapest mit Peter Gabriel & Co, später Eger und der Wein, die Hortobagy-Puszta und Tiszafüred per Kanu an der Theiß, was mich in den Osten lockte. Vielleicht wird’s dann doch noch der bislang verschmähte Balaton…

Die erste Fahrt nach Berlin 89 oder 90, um eine in Griechenland kennengelernte Angelika zu besuchen, war für uns erst mal nicht so sehr erquickend. Der im Grenzbereich bei Teplice längste Straßenstrich der Welt wäre an sich nicht so ungewöhnlich gewesen, wenn nicht unzählige Kinder sich dort feilbieten hätten müssen. Dicke S-Mercedes, 7er Bayrische, 8er Audis und auch LKWs hielten und lasen Mädels wie Buben dort auf und uns kam das Kotzen! Ich hatte derartiges noch nie „live“ gesehen. Und was ich auch noch in Natura bis dahin nicht mitbekommen habe, war dann die ungezwungene und selbstverständliche Art in der späteren deutschen Hauptstadt, Homosexualität unter Frauen wie auch Männern öffentlich und vor allem in wirklich coolen Lokalen Neuköllns und Kreuzbergs auszuleben, während es bei uns damals kaum jemand schon wagte, sich zu outen. Dies wiederum imponierte uns letztlich, wie vieles andere auch in dieser Stadt, was wiederum und eher mit Musik zu tun hatte. Zweifle daran, ob diese Stimmung dort heute auch noch existiert. Die Elbe entlang bis Dresden und das benachbarte spektakuläre Elb-Sandstein-Gebirge besuchten wir mal am Weg zum Rudolstädter Musikfestival in Thüringen. Dass inzwischen immer mehr die Kotzbrocken der AFD dort das Sagen haben, lässt uns künftig wohl anderwärtig orientieren, in der Hoffnung, diese Pest überzieht nicht das gesamte Deutschland, geschweige denn in ähnlicher Form ganz Europa…

Krakau 2026: von heißen Pierogi, milden „Wässerchen“ und alten Zauseln

Nicht zum ersten Mal verbrachten wir kürzlich ein paar Tage in Polen. Einer, der schon beim letzten Besuch im wunderschönen Breslau beteiligten „üblichen Verdächtigen“ war auch diesmal wieder mit dabei und vielmehr war es seinem Bestreben zu verdanken, dass wir uns ins grandiose Krakau begaben. Danke Reinhard, unser aller Padrone! Mein vorangegangener Einsatz dort, war wohl schon in den 90ern, wo noch vieles brüchig und heruntergekommen erschien. Seither sind die lieben Polen ihre schwer reaktionäre und teils rechtsradikale PIS (haben aus deutschsprachiger Perspektive wohl den passenden Namen!) als Regierende wieder halbwegs losgeworden und ich hoffe, auch ausreichend nachhaltig. Danke Donald („Tusk“ wohlbemerkt!)! Bierkeller in denen Polski-Blues, Live-Jazz oder Klezmer gespielt wurde, gab‘s schon damals, die vor allem junge Lokalszene ist jedoch enorm gewachsen und bunt geworden seither. Und die Preise sind deutlich höher geworden, na sagen wir mal, wie in Meidling ungefähr. Aber die bald 1 Million Einwohner große Stadt ist jeden Zloty wert. Die vielen bemalten Fassaden der „Street Art“ weisen den Weg, nicht zuletzt ins riesige jüdische Viertel „Kazimierz“. Die Pogrome in Westeuropa ließen viele Juden in Krakau ansiedeln und im Laufe der Zeit entstanden jüdische Schulen und Synagogen. Als die Deutsche Wehrmacht 1941 die Stadt einnahm, wurden über 60.000 Juden gezwungen, an den Stadtrand zu fliehen, von wo die meisten von ihnen in die Konzentrationslager nach Auschwitz und Plaszow deportiert wurden. Dass die wenigsten dort überlebten, brauch ich hier nicht weiter erwähnen und viele der wenigen hatten dies dem Fabrikanten Oskar Schindler zu verdanken, was nicht zuletzt durch Spielbergs Film über dessen Liste zu allgemeinerem Wissen darüber führte. Im Gegensatz zu Wien gibt‘s aber noch viele aktive Synagogen in Krakau und in einer ehemaligen fanden wir nach abarbeiten unserer „Liste der Sehenswürdigkeiten“ wohl fast schon unser Lieblingsbeisl, in dem bestes Piwo vom Tank gereicht wurde. Tuchhallen, Wawelburg und andere touristische Notwendigkeiten hatten wir, die wir uns gegenseitig ab späterer Stunde nicht ganz unbegründet „alte Zauseln“ nannten, begleitet von hervorragender Kulinarik, wie mit Schwammerl gefüllten ortstypischen Piroggen und dazu geschenkten „Getreide- und Erdapfeldestillaten“ mit oder ohne Weichselaroma, wohlwollend abgehakt. Ob Wodka, oder Wässerchen, die geplante Bootsfahrt an der Weichsel fiel ins Wasser…