Eins vorweg, ich, das damals schwarze Schaf der Familie, bin beiden sehr dankbar! Da meine ländlichen Eltern einst aufgrund ihrer Wien- u. Großstadt-Phobie nicht zu Elternsprechtagen in mein Gymnasium kommen konnten oder wollten, mussten abwechselnd meine Brüder herhalten. Sie hatten sich dafür ordentlich in Schale geworfen und ihr höflichstes gegeben, dennoch sah es die Direktion als Affront oder Missachtung dieses ehrwürdigen Instituts an, wenn es Eltern nicht der Mühe wert fanden, hier selbst zu erscheinen, noch dazu wo der Schüler nicht nur in Mathe & Latein, sondern sogar in Religion gefährdet war. Den Betragens-3er hat dieser sich ohnehin erschlichen. Von den üblichen Schmier- und sonstigen Geldspenden der zum Teil prominenten Eltern an die Schule und ihre Professoren haben meine Brüder, wie ich vermute, nichts gewusst. Von einer anderen ung’schmackigen G’schicht an Schule und Internat wollte auch ich nichts wissen. Erzählungen homophiler Zudringlichkeiten und pädophiler Übergriffe an jüngste Schützlinge mit Ausnützung des Autoritätsverhältnisses machten die Runde. Die daraus resultierende Homophobie habe ich lautstark mitbekommen, die eigentlichen Aktionen nicht. Und jeder Erzähler, den ich danach fragte, bestritt die eigene Erfahrung damit. Dafür war diese „Post“ halt alles andere als „still“. Vielleicht entsprach ich nicht dem Beuteschema, wahrscheinlich aber waren die Handlungen der verdächtigten Jäger an unserer Schule nur „fiktiv“…

Mein älterer Bruder Reinhold war auserkoren, Priester zu werden und so wurde er schon nach der Volksschule in die „Strafanstalt“ Strebersdorf gesteckt. Nach seinen anschließenden Jahren im Wiener Pfaffenseminar kam er mal mit einer Flasche Sekt zu unseren Eltern und schenkte 3 Gläser ein. „Gibt’s was zu feiern? Bist du geweiht?“ fragte die Mutter. „Nein, aber so ähnlich!“ entgegnete er und gratulierte ihnen „Ihr werdet Großeltern!“ Seine Andrea und er, der künftige Religionslehrer, ließen fortan die Produktion ganz ordentlich laufen. Judith, Christina, Silvia (die bald 40 wird, wie ich gerade lese) und David hießen und heißen die ResultatInnen. Inzwischen gibt’s mehrere lustige Enkelkinder und mein Bruderherz genießt das Leben in und mit seiner Großfamilie. Als Seelsorger, völlig unzölibatär, “pfuscht“ er ja dennoch immer wieder. Er wurde nebst Psychotherapeut eben auch Lehrer und war somit der jenige von uns 3en, der halbwegs in Vater’s Spuren stapfte. In jüngeren, oder eigentlich späteren Jahren, zog es ihn gemeinsam mit Freunden immer öfter und fast regelmäßig in die österreichischen Berge wie auf den großen Glockner oder den Venediger und den Jakobsweg durchwanderte er inzwischen komplett von Poysdorf bis Santiago de Compostela. Ob er sich da wo gefunden hat, hab ich ihn noch nicht gefragt, weiß nicht einmal, ob er überhaupt danach suchte… „Santiago de Mekka“ suchte irgendwann unser mittlerer Bruder Wolfgang auf.„I Want To Hold Your Hand!“ Er war Zeit seines Lebens nie so was wie mittel. Er kannte, lebte und liebte die Extreme, was ihm auch zum Verhängnis werden sollte. Noch in den 70ern gab er mit Lucia den Märchenprinzen beim Ernstbrunner Faschingsumzug, was ein paar Jahre später schon undenkbar für ihn gewesen wäre. Er war von den Eltern eher gedacht als Häuslbauer und Familiengründer als sein älterer Bruder. Und ursprünglich kam er dem, als in Mödling geschulter Bautechniker, auch mehr als erwartet nach. Nebst seines Full-Time-Jobs im Architekturbüro stellte er am Nachbargrund meiner Eltern ein fast schon pompöses Haus auf und mit Edith führte er ein intensives Beziehungsleben bis dahin ohnehin. Für mich gab es, so nebenbei bemerkt, gottlob keine derartigen Pläne, weder die einen noch die anderen Erwartungen, da war ohnehin Hopfen und Malz verloren, ein Verlust, den ich später noch „eindrinklich“ zu kompensieren vermochte. Als meine Kumpels und ich einst seinen Alfa an einem Felsen zerschellt in Südfrankreich ließen, tangierte ihn das kaum. Er kümmerte sich um Formalitäten und besorgte sich ein kleineres und billigeres Fahrzeug und ließ uns Chaoten außen vor. Aber viel mehr als 2er-Beziehung stand dann doch nicht auf Wolfi’s Liste, somit geriet sein Liebesleben zusehends ins Trudeln. Eine spätere wichtige Freundin damals, eine Deutsche, die ich als Touristin beim Fremdenführen in der City kennenlernte und natürlich mit in die Niederleiser Taverne nahm, wo sich die beiden auch sofort „fanden“, wollte ihn nach Augsburg übersiedeln, wo sie ihr Studium fortsetzen sollte und wollte. Er kam nicht mit ihr, konnte offenbar noch nicht seinen Job u. andere heimatliche Gewohnheiten aufgeben, litt aber ungemein und begann immer mehr und immer mehr ungewöhnliche Fragen zu stellen. Spätestens nachdem er und seine Kollegen Atombunker für Politiker planen hätten sollen, wandte er sich von kommerziellen, kapitalistischen und gesellschaftlichen Üblichkeiten ab. Spontan beschloss er, mit seinem Motorrad das westliche Mittelmeer zu umrunden, also über Italien, Tunesien, Algerien, Marokko, Spanien u. Frankreich, um sich wiederzufinden. Kurzfristig dachte er danach in der Esoterik Antworten zu finden, bis er sich in …für die meisten seiner Freunde schwer verständlicher Spiritualität wiederfand. Auch ich konnte und wollte da nicht mit, ja schon die Eso-G’schicht nervte mich. Er hielt noch viele Yoga- u. Meditationsabende ab im Haus und da hatte er noch eine „gläubige“ Gefolgschaft. Möglicherweise wollten seine Leut auch nur eine Gemeinschaft oder wem „kennenlernen“. Wahrscheinlich war dies in unserer Taverne ja auch nicht anders, von wegen Kultur etc., manchmal waren wir eher wie ein Partnerinstitut. „No guru, no method, no teacher, just you and i and nature“ Die kritischen Fragen bezüglich unserer Gesellschaft und nach dem Sinn des Lebens konnte ich gut nachvollziehen, die stellte ich ja auch. Nur die autoritären Antworten, die er bald fand, schreckten mich, wie auch seine vielen früheren Freunde, ab. Ich wollte schon so etwas wie glücklich und zufrieden sein können und hatte kein Problem damit, genießen zu können und zu wollen, natürlich nur wenn dies ohne Nachteil oder Schaden an andere funktioniert. Er konnte das mit seinem erworbenen Verständnis nicht ohne sich sündig oder schuldig zu fühlen. Es gab schon noch Versuche von uns beiden, den jeweils anderen in sein „Lager“ zu bekommen, es zermürbte uns aber zu sehr, um dranbleiben zu können. Es war bald mehr als logisch, dass er dann Ende der 80er und nach Vaters Tod, sein Haus verscherbelte und mit 1 oder 2 kurzen Unterbrechungen für 2 Jahrzehnte nach Indien auswanderte. Mit seiner Lebensgefährtin Karin tat er dies per selbst möbliertem alten Mercedes-Bus auch auf dem Landweg, nach Abstecher in Saudi-Arabien über Iran und Pakistan, deren Bewohner er als die allernettesten überhaupt beschrieb. Anfangs, im indischen Süden, baute er gemäß seinem früheren Beruf noch solide Behausungen für seine dortigen Nachbarn. Später dann im Norden war es „nur mehr“ sein Tempel, den er auf eine Anhöhe mit Blick auf den Kangchendzönga, den mit 8.600 Metern dritthöchsten irdischen Berg, stellte. Durch diesen Bau schuf er mehrere indische Arbeitsplätze. Doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Handwerker, wie er vermutete oder hoffte, auch an seiner Sache interessiert waren, oder nur sehr dankbar für kurzfristige materielle Einkünfte. Sein Sakralbau geriet imposant und wunderschön. Auch wenn Karin selbstlos an seiner Seite stand, wurde sein Dasein immer entbehrungsreicher und kompromissloser. Er ernährte sich nur minimal und sehr speziell, mied Arztbesuche und Ärzte, außer wenn er mit solchen „streiten“ konnte, was er natürlich auch mit indischen Gurus und anderen Würdenträgern, wie auch mittels unzähliger und endlos langer Briefe, mit seinem älteren Bruder tat. Nach zuletzt noch einigen Jahren in Österreich, wurde er wegen eines Zusammenbruchs und aufgrund eines zu sehr erweiterten Aneurysmas notoperiert, was er über den Umweg eines dabei erlittenen Schlaganfalls nicht lange überlebten konnte. Er sprach zuletzt oft von Unsterblichkeit und „ewigem Leben“, das er nicht nur sprichwörtlich meinte. Einst, als wir Kinder waren und ich in ein Sumpf- oder Schlammloch fiel, aus dem ich allein nicht mehr herausfand, ergriff er schleunigst meine Hand, um mich raufzuziehen. Wie ich an seinem Sterbebett dann verzweifelt seine Hand hielt, erinnerte ich mich nur zu sehr daran, ob ich wollte oder nicht…

















