Nach Jahren des Konsumierens und des Veranstaltens von Musik, wuchs die Lust, auch selbst aktiv zu werden. Anfangs nur sehr lose und bei speziellen Anlässen (haha, heute halt ich’s wieder so!) und mit Leuten, mit denen ich ohnehin zu tun hatte, danach vorwiegend mit Musikern aus Mistelbach und aus Tavernenbeständen. Da gab‘s die Clean-Cut-Kids, die Gipfelschnippers und Abseits, but Who Cares? Gütiger Weise ebbte die vor ein paar Jahren aufgekommene Debatte über kulturelle Vereinnahmung wieder etwas ab. In meinem Fall, nachdem ich schon sehr früh mit englischer und amerikanischer Musik sozialisiert war, wäre es vermutlich kulturelle Vereinnahmung gewesen, hätte ich mich an heimischer Blasmusik, dem Austropop, oder dem Wienerlied vergriffen. Gitarre hatte ich als Pflichtfach im Gym gerlernt, gelernt aber nur insofern, als dass ich die um 2 Jahre oder Klassen älteren Kollegen, wie den genialen Christian „Jetty“ S, der mit seinen Brüdern damals schon in wilden Bands spielte, gut beim außerschulischen Praktizieren beobachtete und ihn bald auch versuchte zu imitieren. Die klassischen, spanischen Stücke des Unterrichts behandelte ich eher stiefmütterlich und so war’s nicht weiter verwunderlich, dass ich da in der 7ten einen Nachzipf ausfasste. Ausgerechnet der von mir so gefürchtete Mathe-Professor als Beisitzer hatte den prüfenden Gitarre-Prof. vollgesudert, mich durchkommen zu lassen. Ich hatte denen ungefähr 8 Takte vom Blatt vorgespielt, bis ich völlig ahnungsloser bald sehr deutlich davon abwich und mich mehr Jetty’s Ideen bis hin zum schrägen Schlussakkord widmete. Der üblicherweise milde Prüfer schlug grantig die Hände über dem Kopf zusammen, dem strengen Mathematiker gefiels. Genügend! Das spanische, mit Nylonsaiten bespannte Instrument blieb meine Lieblingsbewaffnung für unzählige Lagerfeuer oder romantischem Sonstwas. Auf der Suche nach interessanter heimischer Rootsmusic, also, was die Nazis noch unverbrannt oder versehentlich der Nachwelt überließen, stießen wir hauptsächlich im alpinen Bereich an mitreißende und quetschnlastige Perlen, jedoch mit meist harmlos braven oder Bla-bla-Texten. Im Nordosten des Landes war’s mehr die von Böhmen & Mähren beeinflusste oder stammende Blasmusik, am fündigsten wurden wir noch beim Wienerlied. Aber irgendwie gab’s da ein zu hinterfragendes Vakuum. Als wir Anfang 90 zu mehrt im slowakischen Cizmany zum Sylvestern antraten, mussten wir uns auch musikalisch mit einer örtlichen, wie auch mit einer Gruppe aus Polen mit Liedern unserer jeweiligen Heimat matchen. Unsere Konkurrenten kannten und konnten allesamt ihre fetzigen Lieder, die sie vielstimmig von sich gaben, während wir, obwohl gottlob mit Profi Gerry S bestückt, lange grübelten, bis wir fragmentweise und gerade noch sowas wie „Muss i denn“ herausbrachten, bis wir schließlich doch noch halbwegs erleichtert mit Danzer und Ambros loslegten. Aber selbst da konnte jeweils nur einer oder ein halber zweiter von uns den Text. Damals entwickelte sich nicht nur bei mir der Ehrgeiz, spannendere und musikalisch verwertbare Geschichten auszugraben sowie auch „verstaubte“ Instrumente vor dem Vorhang zu holen. Und spätestens, als Paul Simon mit „Graceland“ die Ziehharmonika in südafrikanischen Groove gepackt hat, war ich neugierig auf diese geworden. Nach vielen, aus meiner Sicht, wunderbaren Rehabilitierungen dieses und anderer noch älterer Instrumente, sieht man leider immer mehr, dass sich die reaktionäre Ecke billig, aber bestverdienend, daran bedient. Hab gerade, also im Herbst 2025, vernommen, dass das Akkordeon zum Instrument des Jahres gewählt wurde! Mit den Schnippers hatten wir damals den Ehrgeiz, traditionelle wie auch hiesige Roots in Rock’n Roll bis Reggae zu packen und mit eigenen Texten und Geschichten zu versehen. No Gringos, unsere Wiener Crossover-Abteilung mit Tom Telepak u. Mozartbandit Wolfgang Staribacher und Mistyboyz mit Jazzgitarrero Chris Jilli u. Marc „The Finger“ Kastner als Mistelbacher All-Star-Variante folgten. Und Honky-Tonk-Monks nannten wir noch eine Coverband für besondere Anlässe. Der „Teufelsgeiger“ Adula Ibn Quadr beehrte uns des Öfteren als Gast und mit ihm wollte ich ab Ende 90 eine handliche Combo haben, die für unterschiedlichste Konzerte, Feste & Festivals, sowohl eigene als auch Musik von weiß Gott wo, spielen kann und gar nicht mal so unpopulär tun wir das gemeinsam mit Stefan B u. Peter S bis jetzt immer noch. Als ich mal als Aushilfe bei den Filz-Brüdern im Wiener Carina aufspielte, bemerkte ich eine dunkle Schönheit im Publikum, die ganz anders und viel geschmeidiger vibrierte als die meisten anderen Anwesenden, die eher den von Candy Dulfer einst beschriebenen und bespotteten „Wiesen-Shuffle“ zelebrierten. Ich hatte den Eindruck, dass sie innerlich mitsang und fragte sie unverschämt, ob sie das nicht auch äußerlich und auf der Bühne tun wolle. „No, thanks, i’m to shy for this!“ kam retour, aber während der übernächsten funkigen Bluesnummer, sprang sie ungefragt auf die Bühne und entriss mir das Micro. Eine unglaubliche Wucht und mir war schnell klar, dass ich zuvor noch kaum eine tollere Sängerin gehört hatte als sie, geschweige denn, mit einer derartigen Gigantin gespielt zu haben. Sie war der Karibik entstammend und lebte zuvor als Gospel- und Background-Sängerin für internationale Größen und Größinnen wie Gloria Gaynor u. Eric Clapton in London, bevor sie nach Wien kam und gleiches auch für Mike Otis, Ambros, Ostbahn u. Supermax tat. Sie hieß und heißt „immer“ noch Betty Semper und wurde bald zur besten R&B- und Soulsängerin Österreichs gewählt. Ich trommelte meinen langjährigen Trommler Wickerl P samt unserem Bassisten Peter S zusammen, holten uns noch Ousmane M’Boup mit seiner Djembe sowie den genialen Andi A als Stromruderer und nannten sich gemeinsam mit Betty „The Fonkvibrators“. Im Laufe der Jahre änderte oder ergänzte sich die Besetzung, so spielten auch die an uns hinlänglich gewöhnten Winter-Brüder, Ulli & Michi (die mir Mathematik-Muffel erstmal einiges an rechnerischer Disziplin in der Musik versuchten beizubringen!), Andreas S, Andi V, Fode Si und unser unerschöpflich kreativer und viel zu früh verstorbener Markus K… Locations, die von unseren Bands nicht verschont wurden, waren u.a. Kärntnerstraße, Tunnel, Celeste, Tacheles, Roter Engel, Carina, Concerto, Kulisse, Loreley-Saal, Amadeus, Zur Eisernen Zeit, 7*-Platz u. Lokal, Schwendermarkt, Yppenplatz, Augarten, Waidhofen-Musikfest, Folkfestival Gutenbrunn, Litschau, Waldviertler Forellenhof, Kultur Im Keller Hollabrunn, Loisium Langenlois, Schloss Grafenegg, Schloss Ernstbrunn, Sommerszenen von Mistelbach, Gänserndorf u. Laa/Thaya, Gaubitsch u. Falkenstein, Winzerfest Poysdorf, Kulturstadl Althöflein, Erdball u. Presshaus Herrnbaumgarten, Dakig u. Altes Depot, Shakespeare-Pub Purkersdorf, das „Grad & Schräg“ -Festival im steirischen Straden & die Richardhalle im bayrischen Viechtach. Inzwischen reizt es mich nicht mehr sonderlich auf einer Bühne zu stehen, aber musizieren, am besten sehr lose und ungeprobt, mit neugierigen, mutigen und möglichst junggebliebenen Talenten und „Scheißminixen“, will ich allemal noch.




















