18) „Once I had mountains in the palm of my hand“ …In die Anden

Bevor ich meinen Reisefreund für Lateinamerika kennenlernen konnte, bedurfte es erstmal Ende 83 dessen Cousine zu entdecken. Um 1979 nur 6 Monate am Stück beim Bundesheer zu dienen und dabei auch besser zu ver-dienen, dies natürlich auch um schneller unabhängiger von den Eltern zu werden, verpflichtete ich mich zu weiterführendes jeweils mehrtägiges Einrücken in den Folgejahren. Nach 3 Jahren war das meinem damaligen Boss zu blöd und die einzige Möglichkeit, es zu beenden, bestand darin, nachträglich, allerdings nur mehr 4 statt 8 Monate, Zivildienst zu machen. Ich musste abermals vor eine Stellungs- oder eben Zivildienstkommission treten, um würdig genug für diesen Schritt befunden zu werden. Nicht schießen zu wollen, war kein glaubhaftes Argument mehr, da ich als gar nicht mal so schlechter Schütze auf Zielscheiben bekannt war. Anders verhielt es sich mit meinen Handgranaten-Wurfkünsten. Als ich ein derartiges Übungs(!)exemplar wegschleuderte und daraufhin der neben mir stehende Ausbildner mich fragte „na wo issn jetzt?“, schlug dieses Ding senkrecht gelandet unmittelbar zwischen uns ein. Wie auch immer, ich konnte nur politisch und ideologisch loslegen, hatte ich doch noch zu deutlich die Peinlichkeiten des damaligen NÖ-Militärkommandanten in Erinnerung, der vor versammelter Mannschaft von mehreren hunderten und größtenteils zustimmenden und applaudierenden Soldaten es zutiefst bedauerte, dass die Deutsche Wehrmacht einst an der Ostfront gescheitert ist & noch hinzufügte, dass wir sonst heute Europa beherrschen würden. Letztlich waren die Kommissäre „heil“froh, mich potenziellen Terroristen loszuwerden. Hatte ich es zuvor noch bis zum „Wachtmeister“ gebracht, so wurde ich jetzt zum Zivildiener befördert! Ich absolvierte diese 4 Monate im Pensionistenheim Penzing und lernte in dortiger Küche eine steirische Birgit kennen, der ich natürlich auch unseren Kulturstadel zeigen musste! Als wir am Weg dorthin durch die Metropole „Schletz“ fuhren, erschrak sie völlig erstaunt und meinte, hier ewig nicht mehr gesehene Verwandte zu haben, die wir sogleich auch aufspürten. Der eine Sohn des Hauses war seit Jahren abgängig, vermisst & verschollen, eine Geschichte, die mich zutiefst berührte und der andere war Erwin. Er wurde bald und viel länger als ich Birgit datete, ein guter, interessanter und mutiger Freund. Als ich ihm von meinen Reiseplänen erzählte, war schnell klar, wer mich da begleiten würde und tatsächlich hatte er dann seinen nicht unwesentlichen Teil dazu beigetragen, da und dort und auf unterschiedliche Weisen auch mal „tiefer einzutauchen“. Wir starteten erstmal in Caracas, wo wir bald lernten, „wo dort der Bartl den Most herholt“. Ich wurde zuvor eindringlich gewarnt, auf mein Zeug achtzugeben, dem ich natürlich mit „Mir kann da nix passieren, bin doch inzwischen geschult genug, um jeden Dieb schon im Vorfeld zu durchschauen!“ entgegnete. So schnell konnte ich gar nicht (durch)schauen, war ich schon eines Besseren belehrt. Den bestellten Kaffee in einer Bar nicht einmal noch erschnuppert, wurde ich rechts nach einer Zigarette gefragt, während mir links völlig unbemerkt die Armbanduhr abmontiert wurde, ehe ich noch „Disculpe, no fumo!“ stottern konnte. Okay, es war eine Eduscho-Uhr für weniger als einen Hunderter, in Schillingen. Euros gabs noch nicht, wie auch Handys, die mir allfällige Uhrzeiten zwecks Bus-Abfahrtszeiten etc. anzeigen hätten können. So musste ich mir mit Bolivares, den Pesos der Venezolaner, eine (vermutlich auch gestohlene) Ersatzuhr vom Markt holen. Wir gabelten die Schwester einer oder meiner damaligen Freundin Sabine auf, auch namens Birgit, mit der wir die halbe Reise gemeinsam bestritten. Auf Grund einer Nachlässigkeit meinerseits, wurde auch sie bald bestohlen, um nicht zu sagen, ausgeraubt. Sie war aber viel zu cool, um lange damit zu hadern. Abgesehen von intensiven Badetagen an karibischen Stränden und weniger schönen, zum Teil auch tödlichen Messerstechereien zwischen Käufer und Verkäufer in einem Fischerdorf, wollte ich schön langsam dem eigentlichen Grund der Tour, nämlich den Andenbergen, näherkommen. Von Merida aus, dem venezolanischen Mariazell oder Kitzbichl, fuhren wir mit der welthöchsten Seilbahn völlig unakklimatisiert die 4 intakten Stationen bis auf 4.500 m hoch, bis wir dort mühsam nach Luft ringend in das Nebel- oder Wolkenhauberl rauftorkelten.

In Ecuador kamen wir den Bergen schon etwas geordneter näher. Da wir uns bis dahin so gut wie gar nicht um Spanischkenntnisse gekümmert und auch keinen entsprechenden Reiseführer dabeihatten, kamen wir auf die Idee, in einer Grundschule eines Dorfes am Rio Napo, die dortige 1.Klasse-Fibel zu erwerben. Da war klarerweise nichts Spanisch-Deutsch drin, sondern nur für Kinder geeignete Abbildungen von Personen, Tieren, Dingen und Alltagssituationen mit Namen, Bezeichnungen und Phrasen auf Spanisch anbei, wie “Mama ama a Pepe y Pepe ama a Mama“. Das fanden nicht nur die Lehrer schräg, die Kinder hatten besonders Spaß daran, mit uns zu üben. Der Erfolg ließ allerdings zu wünschen übrig …hätte ich mir nur einst in Latein mehr Mühe gegeben! Der ebenmäßige Vulkan unserer Begierde, namens Cotopaxi, war zwar, einer strenggläubigen Muslima gleich, leider meist vollverschleiert, den Tungurahua bei Banos nahmen wir uns dann doch noch halbwegs erfolgreich und hauptsächlich zum Akklimatisieren vor. Banos war und ist wahrscheinlich noch immer eine besonders hübsche wie auch gemütliche Kleinstadt und ein beliebtes Backpacker-Ziel samt imposanten Wasserfall und guter Bademöglichkeit. In einem bunt frequentierten und bald Stamm- Lokal hörten wir zu späterer Stunde tatsächlich Ostbahn-Kurti, aber nicht irgendeine Platte oder CD, sondern einen Mitschnitt von einem Gig in Michelstetten auf Kassette. Wie dieser tatsächlich dorthin kam, fand ich nicht heraus, aber später erinnerte ich mich, Jahre zuvor mehrere unserer Konzertmittschnitte und natürlich auch den einen oder anderen Ostbahn-Gig auf Musik-Kassetten an eine besondere Adresse nach Madrid geschickt zu haben. Wie auch immer, wir waren bald auf unterschiedliche Weisen ganz gut klimatisiert, um schließlich den höchsten Berg (nicht nur!?) Ecuadors zu erklimmen…

Davor begaben wir uns aber noch über Esmeraldas auf einen Abstecher nach Muisne am Pazifik, um wieder mal im Meer gut schwimmen zu können. Die nächtlichen Mosquito-Brigaden, die uns trotz voller Blase nicht aus dem Netz kriechen ließen, verdrängten wir bald, aber dass die wenigen Regengüsse die Leute dort veranlassten, singend und tanzend vor ihren Behausungen ins Freie zu stürmen, beeindruckte uns sehr wohl. In Quito genehmigten wir uns noch 2 Tage auf rund 3.000 m jede Menge auf- und abzulaufen. Ältere Einheimische zeigten uns, dass es bergauf zu gehen weniger ansträngend wäre, dies im „Rückwärtsgang“ zu tun. Mittels Leihwagen fuhren wir vorwärts nach Riobamba, wo man „ihn“ schon aus den Wolken hervorragen sah. Bis auf 4.700 m konnte man hochfahren und vorbei an Lamas und Alpakas gingen wir bis zur Edward-Whymper-Hütte auf exakt 5.000, wo wir ein paar Stunden auch nächtigten, schlafen konnte man es nicht nennen. Da Erwin leider so was wie höhenkrank wurde und bei den Hüttenleuten in guten Händen blieb, stapfte ich kurz nach Mitternacht, bei Vollmond und eisigen Temperaturen alleine los auf „meinen“ Chimborazo. Aufgrund des alten und harten Schnees kam ich erst mal halbwegs zügig voran, bis es dann ca. schon mittags und auf über 6.000 m bei dünnerer Luft nur mehr im Schneckentempo weiterging. Als mir dann entgegenkommende und absteigende Andinisten wegen zu geringem Zeitfenster abrieten weiterzugehen, ließ ich den eigentlichen Gipfel dann doch noch aus und schloss mich ihnen an. Erwin gings gottseidank schon etwas besser und in einer weiteren schlaflosen Nacht beschlossen wir, uns bald Kolumbien, ausführlich, aber in niedrigeren Gefilden, zu widmen.

Gen Norden gings per Überlandbusse, die uns Gottes- und auch sonstige Furcht lehrten. Auf abenteuerlichst schlechten Straßen, links senkrecht rauf und rechts mehrere 100 m senkrecht runter oder umgekehrt, bretterten wir über enge, scharfe und abschüssige Kurven, was die alten Kisten halt so hergaben. Die Zeit einzusparen, die für unzählige Stopps, welche die Fahrer benötigten, um sich kniend am Straßenrand zu bekreuzigen, dafür musste natürlich extra auf die Tube gedrückt werden und das bei nur geringfügiger Sicht durch die Windschutzscheibe, da diese von jeder Menge Rosenkränzen, fleischfarbener Madonnen und sonstiger Heiligenfiguren zugepflastert war. In Bogota gelangten wir durch einen korrupten Taxler wieder in eine damals typische Touristenfalle und beim Erklimmen des Hausberges, wovon mir zugegebener Weise mehrfach abgeraten wurde, lernte ich wieder mal dazu. 2 Typen stellten sich mir mit gezogenen Taschenfeiteln entgegen und forderten meinen Rucksack. Ich stammelte was von kein üblicher Touri und selbst kein bissl g’stopft zu sein, was mir nicht im Geringsten abgenommen wurde. Abgenommen wurde mir nur der Rucksack mit der Begründung, ich müsse wohl ein G’stopfter sein, da ich als Europäer sicherlich mit dem Flieger, den sich das Gros der Kolumbianer nicht leisten könnte, angereist bin. Und dass ich als solcher mit meiner maßlosen Lebensweise auch Mitschuld an der weltweiten Ungerechtigkeit sowie der Armut der Latinos sei und sie sich nur zurückholten, was ich und meinesgleichen von ihnen gestohlen hätten. Diese Watschn hat weit mehr gesessen als der Verlust des kaum gefüllten Sackes. Dieses Land erwies sich noch als wunderschön und wie fast überall, abseits der Touri-Gegenden gab‘s fast nur Gastfreundschaft und kaum noch Wickel. Bei San Agustin, einer saftig grünen Hügellandschaft, in der nicht lange zuvor eine uralte Kultur mit imposanten Steinfiguren entdeckt wurde, bekam ich in der von uns kurzfristig bezogenen Hacienda meine ersten und wohlschmeckenden wie auch wohltuenden Haschbrownies. Natürlich hatte ich in Tavernenzeiten „geraucht“ und viel später hab ich’s als Tee auch aus medizinischen Gründen zu mir genommen. Ganz viel später sollte dies ähnlich oral genommen, überhaupt nicht wohltuend, noch in der Hitparade meiner schlechtesten Erfahrungen so ziemlich ganz oben landen! Zum Erkunden der Umgebung wollte ich mir noch ein Motorrad organisieren, da ich keines fand, wurde es Matti, ein weißes Pferd mit „Getriebeschaden“. Matti war nur im zu langsamen 1. Und im zu schnellen 3. Gang zu bewegen, der favorisierte 2. war „no es posible elegir“. Egal, ich überstand’s zufrieden und halbwegs unfallfrei. Turbulent und gottlob auch unfallfrei verbrachten wir die letzten Wochen noch im Nordwesten des Landes. Erst noch faul in der Hamaca am Traumstrand des Fischerdorfs Taganga, wo mich das Schnorcheln mit Schildkröten und erstmalig mit oder über einer 9-köpfigen Tintenfisch-Schule, schon sehr begeisterte. Wir bezogen noch Quartier im benachbarten Santa Marta, wo das jährliche große Karnevaltreiben bevorstand. Diese kuschelige Unterkunft gehörte, wie sich später noch herausstellte, dem damaligen Drogenbaron und Reserve-Pablo-Escobar dieser Stadt. Beim Karnevalsumzug wollten wir eigentlich nur Zaungäste sein, aber so gut konnten wir uns gar nicht verstecken, wurden wir schon auf ein LKW-Plateau hinaufgezerrt, von relativ zierlichen und mehr noch hübschen Chicas wohlgemerkt. Sofort verpassten die uns eine vorwiegend weiße Gesichtsbemalung zur Unkenntlichwerdung, die bei uns wahrscheinlich kaum Bedeutung haben konnte. Für viele dort, wie z.b. auch unseren Hausherrn, sehr wohl. Alljährlich wurden da, wie man uns klarmachte, unauffällig alte Rechnungen beglichen, bei denen jeweils gut 100 Leute ums Leben kamen. Nicht wenige auch versehentlich!

Als geflügeltes Wort etablierte sich auf dieser Reise ein ganz spezielles. Als blasse Blondinen wurden wir häufig mit „ola Gringos“ oder „hey Gringos“ angemacht, womit man dort üblicherweise nur US-Amis titulierte, also waren wir zu oft genötigt und bemüht ein beherztes „No Gringos!“ zurückzuwerfen. Wieder in Wien lernte ich bei einem Fest der „Klangfarbe“ Wolfgang Staribacher kennen, der zuvor mit Hubert v. Goisern & den Alpinkatzen „Aufgeign stott Niedaschiaßn“ samt Hiatamadl und „heast as ned“ eingespielt und produziert hatte. Er spielte die Ziehharmonika in einer Dynamik und Elastizität wie kein anderer. Bei einer nachgeholten Silvesterfeier im kl. Rosental-Schutzhaus (im April!) beschlossen wir beide mit befreundeten Musikern eine quasi Supergroup oder Allstar-Band, bei der ich so ziemlich der einzige Un-Star war, ins Leben zu rufen. Im selben Jahr spielten wir noch einige ausgewählte und originelle Gigs, wie auch jenen nebst Charly Ratzer, Hans Thessink und David Friesen in der Primetime des Musikfests von Waidhofen/Thaya. Der sorgfältig gewählte Name unserer Combo war „No Gringos“…