29) Brasilien 2005

Diese Region unseres „ball of confusion“ interessierte mich schon lange. Die Andengegend kannte und schätzte ich zu diesem Zeitpunkt schon einigermaßen und in die Karibik hatte ich da auch schon geschnuppert. Wie bei den meisten Fernreisen, wollte ich unseren Winter abkürzen und so zog es mich eher in tropische oder Länder der Südhalbkugel, wie Neuseeland oder Südafrika. Man muss in dieser Jahreszeit schon deutlicher den Äquator überqueren, um die Sonne im Norden zu orten. Dass das Leitungswasser sich anders im Waschbecken eindreht, tangierte mich kaum, auffällig war‘s trotzdem. An Brasilien reizte mich außer Land & Leut natürlich die ursprünglich aus Westafrika, woher auch ein Großteil der Vorfahren dort stammt, sich weiterentwickelnde groovige Musik. Auch der portugiesische Einfluss in Harmonien und Melodien ist unüberhörbar. In manchen Regionen verdeutlicht sich auch der indigene oder andinische „Erbteil“. So weit, so gut… Waltraud, meine damalige Lebensgefährtin fand zuvor schon großen Gefallen an den Kapverdischen Inseln und Kuba kannte sie ohnehin, also kostete es kaum Überredungskünste, sie dafür zu begeistern. Allerdings flog ich schon eine Woche früher hinüber, ehe sie mit einer Freundin nachkam. Ich sondierte erstmal das Terrain von Rio. Und dieses Terrain hätte es auch ohne Besiedlung so was von in sich! Eine bizarre Felsenlandschaft an Traumstränden, ähnlich wie im thailändischen Krabi, im El Nido der Philippinen, auf Bora Bora oder wie am Rande der vietnamesischen Halong-Bucht oder des chinesischen Guilin-Tales, oder wie auf der ebenfalls zu Brasilien gehörenden Insel Fernando de Noronha. So konnte die mehrere Millionen Einwohner-Besiedlung auf derart abenteuerlichem Terrain nur einzigartig ausfallen. Ich ergatterte ein günstiges Bett in sowas wie einer Jugendherberge und lernte durch spezielle MitbewohnerInnen diese Stadt besser, schneller u. vor allem aktueller kennen als mittels jeden Reiseführers. Ich begann meine Tage mit der Umrundung des Sees inmitten von Rio und hielt meinen „Morgenschwumm“ wechselweise am Copacabana- oder am Ipanema-Strand. Danach ging ich, vorbei an die schwer bewachten und mit meterhohen Stacheldrahtzäunen versehenen Reichenviertel, täglich in eine andere Favela. Favelas sind dort Armensiedlungen oder Slums und davon gab oder gibt es viele. Und sie werden immer mehr und größer und dichter. Für mich waren sie tatsächlich wunderschön und ein optimales Beispiel für „gepflegtes“ Ortsbild, zumindest optisch! Die mit Müll, Schutt, Wellblech und sonst wie erworbenen Ziegelfragmenten erbauten Behausungen, dicht an dicht, oft über- oder untereinander sortiert, strahlten durchaus Behaglichkeit aus. Wenige hatten damals schon Sat-Schüsseln. Elektrischen Strom jedoch, den sich einige abzweigen konnten, gabs nur hin und wieder. Überfallen wurde ich in fast jeder Favela, aber auf unterschiedliche Weisen und aus unterschiedlichen Gründen. Meist war es meiner Neugier geschuldet und meiner mitgeführten Kamera. Mit einer Pistole an der Schläfe, wurde ich genötigt, den „Film“ zu entnehmen, den man dann zertreten hat, bevor ich noch nach anderen Filmen oder Beweismaterialen untersucht wurde, die vielleicht einen Drogen- oder sonstigen zweifelhaften Deal dokumentieren hätten können. Danach gabs mitunter sogar einen Handshake und einmal sogar die Einladung möglichst „unbewaffnet“ wiederzukommen. In einer südlich gelegenen Favela wars dann doch ein Raubüberfall, aber ein skurriler. Eine Horde, ca. 10 bis 12 Stück 15- bis 30-jähriger Halbstarker zwang mich mit mehreren unterschiedlich langen und stumpfen Messern zur Herausgabe meines Taschengeldes. Während dieser Prozedur bemerkte ich eine nur locker besaitete Wandergitarre in der Hand des Nachzüglers dieser Truppe. Er nützte sie offenbar nur als Trommel, um seine Kollegen bei Laune oder „bei Strenge“ zu halten. Diese Chance nützte ich ohne viel nachzudenken und bot diesem an, aus seiner Trommel eine Gitarre zu machen, indem ich die noch vorhandenen 5 Saiten dann anzog und stimmte, so gut dies halt möglich war. Nachdem ich die Stimmung mittels eines Bob Marley -Songs überprüfte, gings schnell. Passenderweise war es „I Shot The Sheriff“, bei dem ich von der Bande erst gesanglich unterstützt und dann bei „No Woman, No Cry“ abgelöst wurde …merke mir diesen Text einfach nicht! Inzwischen fand fast jeder sein passendes Percussion-Teil. Mit „One Love/ People Get Ready“ konnte ich mit später Textkenntnis noch mal nachlegen, bevor ich dann von den beiden Drahtziehern oder Rädelsführern auf lauwarmes Bier eingeladen wurde. Kühlschrank hatten sie, Strom leider nicht. Ob die Jungs das erbeutete behielten, weiß ich heute nimmer. War mir wahrscheinlich damals schon egal, wurde ich auch dorthin eingeladen, wieder zu kommen. Mit beiden Mädels ging ich später noch in eine der größten und direkt unter dem Corcovado gelegene Favela, allerdings mit Begleitung eines sich anbietenden, ziemlich betrunkenen, wie sich bald herausstellte, Bewohners. Er hatte aber gutes Gespür für brenzliche Situationen und so begannen wir mehrmals zu laufen und uns zu verstecken. Dabei kamen wir mit ein paar älteren Favelanos ins Gespräch. Europa war damals schon, also 10 Jahre vor 2015, mit Flüchtlingszustrom konfrontiert, also hätte es mich nicht sonderlich gewundert, wenn auch Leute von dort das Weite gesucht hätten. Dem war aber nicht so, keinesfalls! Sie sind sich über allen Maßen bewusst, in der wahrscheinlich schönsten Stadt der Welt zu leben und noch dazu von Jesus persönlich, auf dem Corcovado-Felsen thronend, bewacht und beschützt zu werden!

2 Wochen später, im Armenviertel von Salvador wurden wir dann doch noch beraubt. Zurück von der malerischen Pfahlbausiedlung hetzte ich einem Schmetterling hinterher und ignorierte die Bedenken der Mädels, von wegen, da braut sich was zusammen. Fixiert auf das Flattertier, dachte ich mir nicht viel, als ich die vielen blinkenden Klingen sah und rief nur genervt „i brauch nix, i kauf nix!“ da waren wir schon umzingelt und bald auch mit Gewalt unserer dort mitgeführten Habseligkeiten entledigt, auch der Kamera. Die Filme jedoch konnte ich diesmal behalten! Salvador gefiel uns trotzdem unheimlich gut, wie auch der etwas im Landesinneren befindliche Chapada Diamantina Nationalpark mit Tafelbergen, Canyons und wunderschönen und zum Teil bebadbaren Wasserfällen und die vorgelagerte Insel Moro De Sao Paulo, wo wir Vogelspinnen und Taranteln schätzen lernten. Als wir unsere zugewiesene Bambushütte am Strand bezogen, erschraken wir auf Grund der außerhalb und auch innerhalb des notdürftigen Einganges befindlichen haarigen 8-beinigen Gesellen. Wir konnten uns aber bald davon überzeugen, wie es uns auch erklärt wurde, dass diese niedlichen Kuscheltiere natürlich von uns nichts wollten, sondern nur kleinere und bei weitem lästigere Viecher ferngehalten, oder verspeist hatten…

Die Wasserfälle der Chapada, die teilweise an den Salto Angel in Venezuela erinnerten, entfachten große Lust und Neugier, den allergrößten und wahrscheinlich auch schönsten Fall im Dreiländereck von Brasilien, Argentinien und Paraguay heimzusuchen. Wir inspizierten ihn natürlich von allen drei Seiten aus! Da unten war schon etwas raueres Klima als im tropischen Bahia um Salvador. Die nasse Kälte war uns aber bald völlig egal, als wir die Holzstege und Brücken über den „Iguazú“ entlang schlenderten und uns kaum zurückhalten konnten in Anbetracht dieses „Weltwunders“. Die frechen Tiere dort, wie rote Papageien, anrempelnde Nasenbären und meine bunten Flipflops zerlegende Tucans mochten wir. Während ich mir zuletzt noch den imposanten Felsenpark von Curitiba zu Gemüte führte, begaben sich die Mädels in mehreren Etappen schon auf Heimreise.

Touristen, die mich auf dieser Reise vor wirklichen Abenteuern warnten und mir empfahlen, wenn unbedingt nötig, dann nur mit Führern und teurer Bewachung in Favelas oder ins Leben der Einheimischen zu tauchen, mied ich relativ bald. Viele von denen unternehmen nur wenig außerhalb ihrer „Anlagen“ und Hotels, außer der berühmten Seilbahntour auf den schwerstens mit Maschinengewehren „verteidigten“ Zuckerhut. 2 Wochen nach dieser Reise erfuhr ich vom Massaker am Zuckerhut, bei dem durch einen kriegsähnlichen Überfall fast 30 Leute, Touristen wie auch Wachpersonal regelrecht hingerichtet wurden. Wie’s aussieht, werde ich bald wieder in Brasilien nach dem „Linken“ sehen und vielleicht auch der einen oder anderen Einladung von damals nachkommen…