Okay, es wird doch ein Buch! Oder nein, natürlich nicht, wer sollte denn sowas lesen? Kenn wenigere Buchschreiber, aber viele, die gewillt waren, oder aus irgendwelchen Gründen es sich antaten, eigene CDs zu produzieren und dann eher ungemütlich genötigt waren, diese Dinger, die ja einiges gekosten hatten und auch für MusikerkollegInnen durchaus Stress im Studio verursachten, den Leuten bei Konzerten oder jenen der näheren Umgebung, Freunden und der Verwandtschaft zu überlassen, um sie irgendwie loszuwerden. Also wenn ich da jetzt weiterschreibe, mach ich’s eigentlich für mich selbst! Dennoch werde ich’s, was immer es auch sein mag, von der Leine lassen, auswildern sozusagen, vielleicht erlegt’s mal die eine Jägerin oder pflückt’s der andere Sammler. Schau ma moi, daunn sehn ma eh…

Im besagten Jahr, vor circa 10 Jahren, waren Katharina und ich gegen Mitternacht am Rückweg von einer Vernissage ihrer Schwester Barbara, als wir zu wiederholten Mal im Autoradio von der Flüchtlingstragödie und den Zuständen am Westbahnhof hörten. Zuvor planten wir schon an die ungarische Grenze zu fahren, um Leute von dort weg, ins Land, oder zum Zug zu bringen, um sie weiter in den freien Westen gelangen zu lassen. Unüberhörbar wurde unsereiner da schon von F-lern und Konsorten der Schlepperei bezichtigt und mit saftigen Anzeigen bedroht. Dank der ÖBB und ihres damaligen Häuptlings Christian Kern, konnten die vorwiegend syrischen Geflüchteten auf Schiene wenigstens bis Wien gelangen, also steuerten wir in dieser Nacht noch den Westbahnhof an, um uns ein eigenes Bild zu machen und wir waren nicht die einzigen aufgebrachten Wiener vor Ort. Nach höchstens einer halben Stunde fuhr Katharina mit 2 Personen per Straßenbahn zu ihrer Büro-Wohnung in Fünfhaus und ich tat dies zu sechst in meinem Civic. Diese Nacht verbrachten 7 Leute bei uns, allesamt Syrer, die vom mörderischen und von Putin unterstützten Assad-Regime geflohen sind, aber ohne wirklich schlafen zu können, da sie sich und auch uns zu viel zu erzählen hatten. Meine Vorurteile gegenüber gewissen Ländern der Fluchtroute und deren Machthaberern wurden dadurch nicht dezimiert, ganz im Gegenteil. Die Etappe auf völlig überladenen und desolaten Schlauch- oder sonst was Booten, hat unsere „Gäste“ mehrmals in äußerste Lebensgefahr gebracht. 5 von ihnen brachte ich tags darauf wieder zum Westbahnhof, sie wollten erstmal nach Deutschland weiter. Ein Brüderpaar aus Damaskus, der jüngere gerade mal 7, war deutlich zu erschöpft dafür. Nach Katharina’s Angebot blieben die beiden bei uns. Mit Hilfe und Anregungen unserer Freunde fand der ältere bald einen anstrengenden, aber erfüllenden Job im „Intercont“ und der Jüngere seinen Platz in der Grund- oder Volksschule des Bezirks. Erst als Jahre danach ihre ebenso zur Flucht (auch aus familiären und wirtschaftlichen Gründen) gezwungen Eltern samt verbliebenem Zwillingsbruder des Jüngeren nach Österreich kamen, organisierten wir eine eigene Bleibe für die Familie. Der muslimische Vater, der zuvor in Damaskus ein Grill-Restaurant hatte, fand bald Arbeit in der Gastronomie und heute am 24. Dezember hat er mir herzlichst Frohe Weihnachten gewunschen. Üblicherweise lege ich kaum Wert darauf, seine Wünsche amüsierten und erfreuten mich aber. Weihnachten soll ja die Zeit der Besinnung und Einkehr sein, also werde ich mich jetzt aufmachen, um besinnlich einzukehren und wie letztes Jahr auch schon, werde ich das im „Lange“ in der gleichnamigen Gasse des 8. Bezirks tun. Und pünktlich auf diesen Tag habe ich, wie all die 35 Jahre zuvor, die Glückwunschpost meiner beiden Japanerinnen, denen ich einst statt den Stefansdom eben dieses Cafe Lange vorführte, aus meinem Briefkasten gefischt. Merikurisumasu!
Die bekannten und oft kritisierten Sager von Barack Obama und Angela Merkel, mit deren Partei oder Gesinnungsgenossen ich klarerweise nichts am Hut habe, fand ich damals gut und das tue ich auch heute noch. In dieser damaligen Situation konnte man doch nicht anders, als diesen hier aus des Öfteren schon erwähnten Gründen geflohenen Menschen erstmal zu helfen. Dass die nicht stattgefundene Verteilung dem nachhaltigen Funktionieren einen Strich durch die Rechnung machte, ist leider offensichtlich. Verantwortlich dafür waren jedoch völlig andersgeartete Politiker als die beiden zuvor erwähnten. Mein persönliches caritatives Engagement war ohne Heiligenschein und eher selten uneigennützlich. Egal, ob es sich um Benefizkonzerte, Petitionen oder um Demos etc. handelt, es passiert meist in angenehmer Gesellschaft und macht doch auch Spaß. So bin ich schon seit Anbeginn des Integrations- oder Flüchtlingsballs im Wiener Rathaus (ursprünglich noch im Währinger „WUK“) dort leidenschaftlich zahlender, tanzender und trinkender Gast und ich und wir freuen uns schon auf den kommenden am 18. April 2026…
Helmut Schüller in der „Guten Zeitung“ (Nr. 31, Dezember 2025):
Das Integrationshaus (dem u.a. die Einnahmen des Flüchtlingsballs zugutekommt) ist schon seit den großen politischen Debatten der 1990er- Jahre über die Aufnahme von Geflüchteten ein sehr wichtiges praktisches Statement. Es macht deutlich, dass es immer um Menschen geht, um Respekt vor ihrer Würde, um ihre grundlegenden Rechte, um ihre menschenwürdige Unterbringung und um Unterstützung ihrer Bemühungen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren.
Schon damals gab es politische Stimmen, die das alles in Abrede stellten und lieber von „Flüchtlingswellen“, „Masseneinwanderung“ und dem „vollen Boot“ sprachen. Und von den „Gutmenschen“ wie den im Integrationshaus Engagierten, die mit ihrem Einsatz für einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten einen „Pull- Effekt“ erzeugen würden, der weitere Schutzsuchende anlocken würde. Dasselbe sagt man auch über die Seenotretter*innen auf dem Mittelmeer und über Initiativen zugunsten eines menschenwürdigen Umgangs mit Flüchtenden.
Waren diese Stimmen früher eher von den rechten Rändern des politischen Spektrums her zu hören, sind sie inzwischen in der sogenannten „politischen Mitte“ salonfähig geworden. Auch Politikerinnen und Politiker der Mitte-Parteien befleißigen sich aus Angst um Wählerstimmen einer „Push-back“-Sprache, in einem unwürdigen Wettlauf um den kältesten Umgang mit Geflüchteten. Das alles geht einher mit einer schrittweisen Abwertung von ganzen Menschengruppen.
Was zunächst Menschen gilt, die bei uns Schutz suchen, können bald auch Menschen zu spüren bekommen, die immer hier gelebt haben. Was als Verrohung der Sprache über „Ausländer“ begonnen hat, kann bald auch anderen Gruppen unserer Gesellschaft zum Verhängnis werden. Das Integrationshaus setzt dem eine Sprache ohne Worte, eine Sprache der Praxis, entgegen. Möge diese von genug Menschen in unserem Land verstanden werden!
Gedanken von Christine Nöstlinger
Heutiger Rassismus lehnt schlicht ‚alles Fremde‘ ab, sieht das eigene Volk durch ‚Überfremdung‘ in Gefahr, wittert sogar ‚Bevorzugung der Ausländer‘ und meint – alles in allem: ‚Die wollen von uns leben, die wollen uns etwas wegnehmen!‘ Wer so denkt und unter Gleichgesinnten auch so redet, schmiert noch lange keine rassistischen Parolen, wirft keine jüdischen Grabsteine um, beschimpft keine Frauen, die Kopftuch tragen, verprügelt keinen Schwarzen und zündet kein Asylantenheim an. Aber den Menschen, die es tun, geben sie die Sicherheit, auch in ihrem Interesse zu agieren. Sie sind der Nährboden, aus dem Gewalt wächst. Und die Auswahl an Minderheiten, gegen die man – im besten Fall – ‚etwas hat‘, – im schlimmsten Fall – ‚etwas unternimmt‘, hat sich enorm gemehrt. Zu den tradierten Objekten für Ablehnung und Aggression kamen hinzu: Asylsuchende und Wirtschaftsflüchtlinge, ganz gleich, woher sie kommen, und Menschen mit Migrationshintergrund, ganz gleich, ob sie bereits österreichische Staatsbürger sind oder nicht. Und Menschen mit anderer Hautfarbe sowieso. Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘ …Auszug aus der Rede von Christine Nöstlinger bei der Gedenkveranstaltung 2015 zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen.





