07) Olympos, BAP & Böll 85

Helli und ich begaben sich mit **Hannibal, unserem bunten Kleinbus, wieder mal auf größere Reise, diesmal mehr süd- und viel mehr ostwärts. Über Ungarn, Serbien (damals noch Jugoslawien) und Bulgarien, fuhren wir in die Türkei. Es ging eigentlich, vor allem auf Grund des damals eher geringen Verkehrsaufkommens, sehr reibungslos voran. Den Einkehrschwung auf serbischer Seite kurz vor der bulgarischen Grenze würde ich auch eher als skurril als reibungsvoll bezeichnen. Ein idyllisches, quasi Knusperhaus, kam uns sowohl geografisch, als auch vom timing und Hunger her, gerade gelegen. Die riesige Speisekarte an der Wand verhieß uns „gut und günstig“. Gut war’s tatsächlich, nachdem wir allerdings das ca. 3-fache wie errechnet bezahlt hatten, war „günstig“, wie auch wir selbst, bald vom Tisch. Mit Erwähnung dieser Speisekarte und der Nachfrage, was das sollte, wurde uns selbstbewusst erklärt, dass diese Karte lange schon kaputt sei. Egal, lustig fanden wir’s dennoch. Von Bulgarien sahen wir nicht sonderlich viel, erstens da wir an der Grenze schon belehrt wurden, weder die angegebene Route noch das Fahrzeug zu verlassen und zweitens die Luft dort wegen der vielen dreckigen alten LKWs total stinkig und vernebelt war. Die prae-erdogane(!) und noch sehr ursprüngliche Türkei entschädigte uns. Auch als uns nach ausführlichem Istanbul-Besuch, wir schliefen wie immer im Bus und wie fast immer am Campingplatz, 2 Polizisten stoppten. Sie wollten von uns offenbar nichts anderes als mitgenommen zu werden. Wir fuhren eine mit Schlaglöchern übersäte Schotterpiste und ich ignorierte deshalb die Wünsche der beiden, schneller zu fahren, indem sie am Tacho auf den 100er zeigten. Wir hatten gerade traditionelle türkische Musik im Autoradio, die den beiden so sehr missfiel, dass sie sich genötigt fühlten, eine eigene Kassette einzuwerfen. So dröhnte Michael Jacksons „Beat It“ & „Thriller“ auf Dauerschleife bis wir endlich auf asphaltierte Kurven- u. Serpentinenstraßen kamen, die ich dann mit einigermaßen höheren Geschwindigkeiten würdigte. Die Kiberer hatten‘s ja scheinbar eilig, was sich nur wenig später als falsch herausstellte. Mitten in der Einöde wollten sie nichts wie raus-steigen. Sie bedankten sich höflich, kotzten in gegensätzliche Richtungen und vergaßen auf ihr Jackson-Tape. Habe es heute noch, nur halt keinen Kassettenrekorder mehr. Die Pläne über Damaskus bis nach Akaba ans Rote Meer zu kommen, wurden uns an der syrischen Grenze vergällt. Wir hätten für die nötigen Papiere an die Botschaft nach Budapest oder zumindest nach Ankara, wie die Grenzler dort vermuteten, zurückmüssen. Forget it, wir beschlossen, uns die türkische Seite noch eindringlicher zu Gemüte zu führen. So gelangten wir nach schneebedeckten Ararat-Bergen, Kappadokien & Pamukkale, eigentlich schon am Rückweg an der „enduristischen“ Küstenstraße, schließlich an ein vergammeltes hölzernes Schild „Olympos“, dem nachzufolgen wir nicht widerstehen konnten. Glücklicherweise hatte unser 56 PS -Bus ausreichend Bodenfreiheit, denn die anfangs schmale und steile Schotterstraße endete in einem nur geringfügig ausgetrockneten Flussbett. Wir folgten diesem bis zur Mündung, einer traumhaft schönen, von bizarren Felsen umrahmten einsamen Bucht. Fast einsam, denn da war noch ein anderer, noch bodenfreierer Bus, ein Allrad-Mitsubishi mit deutschem Kennzeichen. Mit dessen „Bewohnern“, einem sympathischen Kölner (Ja, die gibt’s!) und seiner nicht minder sympathischen Frau oder Freundin verbrachten wir fast eine Woche, tranken und musizierten beim Lagerfeuer, diskutierten über Gott und die Welt und über Heinrich Böll, dessen „Verlorene Ehre Der Katharina Blum“ ich mir gerade als Reiselektüre reinzog. (Die Ansichten „seines“ Clowns hatte ich davor schon zu Hause gelesen!) Irgendwann fragte er, was ich/wir so machten im Ösiland. Helli beschrieb ihre Sozialarbeit und ich erzählte von ersteren meiner unzähligen Jobs. Natürlich fragte ich auch ihn danach, was er mit „ich spiel da in so ‘ner Kapelle“ beantwortete, was sich für uns eher nach Blasmusik, Schlager- oder Tanzcombo anhörte. Mehr höflichkeitshalber wollten wir auch den Namen dieser Kapelle wissen. Es war „BAP“!

Widmung samt genialen Kommentar von Günter Wallraff

In unserem Kulturstadel spielten unsere Freunde Werni und Bebsi BAP damals endlos auf und ab. Allerdings hatten wir keine Optik dazu, wussten also nichts vom Aussehen der Bandmitglieder, auch nicht vom Frontman, unserer neuen Reisebekanntschaft Wolfgang Niedecken. Zurück fuhren wir über Samos, wo wir kaum süßen Weißwein tranken, dafür aber mehrere in engen Kurven verunfallte Vespa-Piloten ins Krankenhaus lieferten und einer schier endlos stürmischen Fährentortur weiter nach Athen und über Mazedonien bis ins Ulcinj-FKK-Camp in Montenegro. Tage später, wir hatten gerade Mostar mit seiner damals noch originalen und unzerbombten Brücke über die Neretva als letzte Station auserkoren, las ich in einer deutschsprachigen Zeitung vom Tod Heinrich Bölls. Ein paar Monate später holte ich mir die neueste BAP-LP „Ahlmänner, Aalglatt“ und las am Cover von der Widmung an Heinrich Böll!

Pamukkale mit Helene, unser Strand, unser Fluss, Wolfgang mit Bruce und aktuellste BAP-Konzertankündigung in Österreich