16) Betty, eigene Bands & Rock’n Roll

Nach Jahren des Konsumierens und des Veranstaltens von Musik, wuchs die Lust, auch selbst aktiv zu werden. Anfangs nur sehr lose und bei speziellen Anlässen (haha, heute halt ich’s wieder so!) und mit Leuten, mit denen ich ohnehin zu tun hatte, danach vorwiegend mit Musikern aus Tavernenbeständen und Mistelbachern, die ich zum Teil durch meine frühe Hot-Light-Disco-Bekanntschaft Anita R kennenlernte, die selber damals gerade als Percussionistin loslegte. Da gab‘s die Clean-Cut-Kids, die Gipfelschnippers und Abseits, but Who Cares!?

Gütiger Weise ebbte die vor ein paar Jahren aufgekommene Debatte über kulturelle Aneignung wieder etwas ab. In meinem Fall, nachdem ich schon sehr früh mit englischer und amerikanischer Musik sozialisiert war, wäre es vermutlich kulturelle Vereinnahmung gewesen, hätte ich mich an heimischer Blasmusik, dem Austropop, oder dem Wienerlied vergriffen. Gitarre hatte ich als Pflichtfach im Gym gelernt, gelernt aber nur insofern, als dass ich die um 2 Jahre oder Klassen älteren Kollegen, wie den genialen Christian „Jetty“ S, der mit seinen Brüdern damals schon in wilden Bands spielte, gut beim außerschulischen Praktizieren beobachtete und ihn bald auch versuchte zu imitieren. Die klassischen, spanischen Stücke des Unterrichts behandelte ich eher stiefmütterlich und so war’s nicht weiter verwunderlich, dass ich da in der 7ten einen Nachzipf ausfasste. Ausgerechnet der von mir so gefürchtete Mathe-Professor als Beisitzer hatte den prüfenden Gitarre-Prof. vollgesudert, mich durchkommen zu lassen. Ich hatte denen ungefähr 8 Takte vom Blatt vorgespielt, bis ich völlig ahnungsloser bald sehr deutlich davon abwich und mich mehr Jetty’s Ideen bis hin zum schrägen Schlussakkord widmete. Der üblicherweise milde Prüfer schlug grantig die Hände über dem Kopf zusammen, dem strengen Mathematiker gefiels. Genügend! Das spanische, mit Nylonsaiten bespannte Instrument blieb meine Lieblingsbewaffnung für unzählige Lagerfeuer oder romantischem Sonstwas. Auf der Suche nach interessanter heimischer Rootsmusic, also, was die Nazis noch unverbrannt oder versehentlich der Nachwelt überließen, stießen wir hauptsächlich im alpinen Bereich an mitreißende und quetschnlastige Perlen, jedoch mit meist harmlos braven oder Bla-bla-Texten. Im Nordosten des Landes war’s mehr die von Böhmen & Mähren beeinflusste oder stammende Blasmusik, am fündigsten wurden wir noch beim Wienerlied. Aber irgendwie gab’s da ein zu hinterfragendes Vakuum. Als wir Anfang 90 zu mehrt im slowakischen Cizmany zum Sylvestern antraten, mussten wir uns auch musikalisch mit einer örtlichen, wie auch mit einer Gruppe aus Polen mit Liedern unserer jeweiligen Heimat matchen. Unsere Konkurrenten kannten und konnten allesamt ihre fetzigen Lieder, die sie vielstimmig von sich gaben, während wir, obwohl gottlob mit Profi Gerry S bestückt, lange grübelten, bis wir fragmentweise und gerade noch sowas wie „Muss i denn“ herausbrachten, bis wir schließlich doch noch halbwegs erleichtert mit Danzer und Ambros loslegten. Aber selbst da konnte jeweils nur einer oder ein halber zweiter von uns den Text. Damals entwickelte sich nicht nur bei mir der Ehrgeiz, spannendere und musikalisch verwertbare Geschichten auszugraben sowie auch „verstaubte“ Instrumente vor dem Vorhang zu holen. Und spätestens, als Paul Simon mit „Graceland“ die Ziehharmonika in südafrikanischen Groove gepackt hat, war ich neugierig auf diese geworden. Nach vielen, aus meiner Sicht, wunderbaren Rehabilitierungen dieses und anderer noch älterer Instrumente, sieht man leider immer mehr, dass sich die reaktionäre Ecke billig, aber bestverdienend, daran bedient. Hab gerade, also im Herbst 2025, vernommen, dass das Akkordeon zum Instrument des Jahres gewählt wurde! Mit den Schnippers hatten wir damals den Ehrgeiz, traditionelle wie auch hiesige Roots in Rock’n Roll bis Reggae zu packen und mit eigenen Texten und Geschichten zu versehen. No Gringos, unsere Wiener Folkrock-Abteilung mit Tom Telepak u. Mozartbandit Wolfgang „Stari“bacher und Mistyboyz mit Jazzgitarrero Chris Jilli u. Marc „The Finger“ Kastner als Mistelbacher All-Star-Variante folgten. Und Honky-Tonk-Monks nannten wir noch eine Coverband für besondere Anlässe. Der „Teufelsgeiger“ Adula Ibn Quadr beehrte uns des Öfteren als Gast und mit ihm wollte ich ab Ende 90 eine handliche Combo haben, die für unterschiedlichste Konzerte, Feste & Festivals, sowohl eigene als auch Musik von weiß Gott wo, spielen kann und gar nicht mal so unpopulär tun wir das gemeinsam mit Stefan Brodsky u. Peter Stix immer noch.

Stari, der um die Jahrtausendwende gerade mit seiner Mozartband aktiv und auf Tour war, vermittelte mich den Filz-Brüdern für ein neues Crossover-Projekt. Als ich mit ihnen mal im Wiener Carina aufspielte, bemerkte ich eine dunkle Schönheit im Publikum, die ganz anders und viel geschmeidiger vibrierte als die meisten anderen Anwesenden, die eher den von Candy Dulfer einst beschriebenen und als promillegestählt zackig bespotteten „Wiesen-Shuffle“ zelebrierten. Ich hatte den Eindruck, dass sie innerlich mitsang und fragte sie unverschämt, ob sie das nicht auch äußerlich und auf der Bühne tun wolle. „No, thanks, i’m to shy for this!“ kam retour, aber während der übernächsten funkie Bluesnummer, sprang sie ungefragt auf die Bühne und entriss mir das Micro „Suddenly I turned around and she was standin‘ there“. Ob sie silver bracelets on her wrists und flowers in her hair hatte, weiß ich nicht mehr so genau. Aber eine unglaublich wuchtige Stimme voller heart & soul strahlte da auf uns los und de Leit san aus’zuckt! Mir war schnell klar, dass ich zuvor noch kaum eine tollere Sängerin gehört hatte als sie, geschweige denn, mit einer derartigen Gigantin gespielt zu haben. Besonders angetan war ich von ihrer Lust und Fähigkeit, Lieder „auf der Strecke“ zu verändern, zu erweitern, oder ihnen andere Songs oder Teile davon einzufügen. Hatte ich derartiges ja schon von meinen damaligen favorites Van Morrison und den Neville Brothers begeistert vernommen. Ich hab’s ja nicht so mit Superlativen, mag ich doch die Vielfalt und selbst war ich auch nie irgendwo vorne mit dabei und hab mich auch nie darum bemüht. 3. und 4. Plätze bei Rennen der Schulschikurse blieben die magere Krönung. Oh doch, einmal wurde ich mit bester Zwischenzeit gestoppt, ehe ich beim letzten Slalom-Tor einfädelte! Egal, bei ihr passt’s sowas von, sie war wirklich top of the top! Dem karibischen Antigua entstammend (Großeltern aus Montserrat), lebte sie in London, wo sie mit ihren Geschwistern erst in einer Reggae-Band sang, bis sie sich auch Gospel, Jazz und Rhythm & Blues zuwandte. Als Background-Sängerin war sie bald für internationale Größen und Größinnen wie Gloria Gaynor u. Eric Clapton aktiv, bevor sie aus guten Gründen nach Wien kam und gleiches auch für Mike Otis, Ambros, Ostbahn u. Supermax tat. „Gospel Meets Vienna“ hieß ein frühes eigenes Projekt. Sie selbst heißt Betty Semper und sie wurde bald zur besten R&B- und Soulsängerin Österreichs gekürt. Ich „trommelte“ meinen langjährigen Trommler Wickerl Pazderka samt unseren Bassisten Peter Stix zusammen, wir holten uns noch Ousmane M’Boup mit seiner Djembe sowie den genialen Andi Abraham als Stromruderer und nannten sich gemeinsam mit Betty „The Fonkvibrators“. Ihr Herz war übergroß, ihre Lunge konnte da auf Dauer leider nicht mithalten!

Fonkie-Groupies 2009

Im Laufe der Jahre änderte oder ergänzte sich die Besetzung, so spielten auch die an uns hinlänglich gewöhnten Winter-Brüder, Ulli & Michi (die Cousins von Johnny & Edgar??), die mir Mathematik-Muffel erstmal einiges an rechnerischer Disziplin in der Musik versuchten beizubringen, Andreas Schacher, Andi Vakony, Fode Si und unser unerschöpflich kreativer und viel zu früh verstorbener Markus Kastner. Gute 20 Jahre spielten wir mit Betty Gigs, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, sie bereicherte uns und unsere von geiler Musik bestimmte Welt ungemein. Mit uns „Vibratoren“ sang sie ihre Lieblings-Soul-Hadern, wie auch mehrere meisterlich von ihr selbstkomponierte Perlen. We are Family! Danke Betty, danke für dich & thank you so much for your love!!! Ihr letztes, äußerst spannendes und viel gerühmtes Projekt heißt übrigens „Viennese Ladies“! Ja, das soll eine Empfehlung sein. So viel sprichwörtliche musikalische Frauenpower (unter Federführung der wunderbaren Claudia K) sollte man gehört und gesehen haben.

Locations, die von unseren Bands nicht verschont wurden, waren u.a. Kärntnerstraße, Tunnel, Celeste, Tacheles, TüWi, Roter Engel, Carina, Concerto, Kulisse, Loreley-Saal, Amadeus, Zur Eisernen Zeit, Little Stage, Bunte Kuh, Hawedere, 7*-Platz u. Lokal, Schwendermarkt, Yppenplatz, Augarten, Donauinselfest, Waidhofen-Musikfest, Folkfestival Gutenbrunn, Litschau, Waldviertler Forellenhof, Kultur Im Keller Hollabrunn, Loisium Langenlois, Schloss Grafenegg, Schloss Ernstbrunn, Kulturhalle Apethlon, Sommerszenen von Mistelbach, Gänserndorf u. Laa/Thaya, Gaubitsch u. Falkenstein, Winzerfest Poysdorf, Kulturstadl Althöflein, Erdball u. Presshaus Herrnbaumgarten, Dakig, Altes Depot, Harlekin, Shakespeare-Pub Purkersdorf, das „Grad & Schräg“ -Festival im steirischen Straden & die Richardhalle im bayrischen Viechtach. Inzwischen reizt es mich nicht mehr sonderlich auf einer Bühne zu stehen, aber musizieren, am besten sehr lose und ungeprobt, mit neugierigen, mutigen und möglichst junggebliebenen Talenten und „Scheißminixen“, will ich allemal noch…

Mit Julian, Bob Marley’s Sohn