35) Kuba & Dunia

2009 waren Waltraud und ich bereits getrennt, aber als Freunde soweit wiedervereint, um mit 3 anderen Freunden relativ gelassen einen weiteren Sehnsuchtsort heimzusuchen. Endlich gings nach Kuba, Che war Legende und ich hatte mir zuvor nebst den Geschichten seiner marxistischen Freiheitskämpfe, gerade erst die „Motorcycle Diaries“ -die Reisen des jungen Ernesto „Che“ Guevara, sowohl als Buch, wie auch als Kinofilm reingezogen. Ein argentinischer Medizinstudent begab sich da mit Freund und Mototorrad auf Lateinamerikarundreise, traf auf extreme Armut und auf extremen Reichtum und wurde seither immer mehr und auch immer militanter zum Gerechtigkeitsprotagonisten. Ja, Pazifist war er bald nicht mehr so sonderlich, dennoch konnte „ich Pazifist“ mit den Kubanern u. Innen übereinstimmen, was die so oft dargestellte und praktizierte Wertschätzung für ihn anbelangt. Hatte er doch mit seinen Mitstreitern das hochgerüstete, korrupte und mörderische Batista-Regime zum Fall bringen können. „El Presidente“ Fidel Castro, sein einstiger und maßgeblicher Revolutionsgefährte, lebte noch zu unserer Zeit, war aber (wahrscheinlich nicht ganz unbegründet) eher umstritten bei Teilen der Bevölkerung. Meinen Respekt hatte er, denn ich erlebte ein gefühlt glückliches Land, in dem ziemlich alle, inklusive der sogenannten Eliten, unvermögend und natürlich arm waren (Hungernde und Obdachlose gab‘s und gibt’s im benachbarten US-Amerika auch prozentuell weit mehr), aber gratis Bildung und auch medizinische Versorgung auf durchaus hohem Niveau bekamen. Ich bin mir nicht so sicher, ob dies bis heute noch so läuft dort…

Während ich hier versuche über eine andere Gegend und erst recht über eine andere Frau zu schreiben, verweile ich mit meiner jetzigen Frau Katharina in unserer zweiten …oder fünften Heimat Istrien. Und gerade auch sehr harmonisch. So geht das nicht! Das geht so nicht!! Da brauch ich gar nicht erst den Schlepptop hochfahren! Kathi müsste mich rügen und tadeln, oder mein Bier schlecht reden, oder möglicherweise gar eines mit mir teilen wollen, oder mich in einen mir nicht komplett vertrauten Supermarkt einkaufen schicken, vielleicht was besonders Gesundes oder irgendeinen Antialk. Ja, so könnt’s funktionieren! Es funktioniert aber nicht, da sie stattdessen beschlossen hat, leiwande Musik aufzulegen und eine Flasche Teran mit mir zu köpfen. Also erst mal „zivjeli“ und nicht salut!

Salut, komm grad vom Einkauf! Insgesamt weilten wir damals 3-mal in Kuba und durchreisten so ziemlich das ganze Land, samt einigen vorgelagerten kleinen Inselparadiesen sowie der höchsten Erhebung, dem Pico Turquino in der Sierra Maestra, die als Wiege der kubanischen Revolution gilt. In Havanna’s „Floridita“ begegnete ich Ernest Hemingway bereits zum zweiten Mal nach Key West 1983. Die dort dargebotenen Live-Acts waren toll, aber fast alle in der Art des „Buena Vista Social Club“ y demasiado tradicional. Die vielen Straßenmusikanten mussten sich auch an ein sehr konservatives Repertoire a la Besame Mucho, Guantanamera bis Can Can halten, um überhaupt öffentlich auftreten zu dürfen. Umso erfrischender war es, im kaum touristischen Camagüey eine junge u. kreative Szene abseits davon kennenzulernen. Viele von denen, die eher Reggaeton (Cubaton) und funky Grooves als die gewohnten Formen von Salsa spielten, entkamen ihren Proberäumen und Kellern kaum. Einer der entkam, war ein vielseitiger Percussionist namens Manuel und der hat es auch in „anderer“ Hinsicht, wie auch umgekehrt, unserer Waltraud angetan! Seine musizierenden Kollegen animierten auch mich mit geliehenem Instrument am Geschehen teilzuhaben. Das anschließende Privatisieren ließ ich irgendwann aus und ich fiel in ein allgemein recht unansehnliches, aber für mich umso interessanteres Lokal ein. Man konnte dort nur mit kubanischen Pesos und nicht mit den für Touristen vorgesehenen Pesos Convertibles bezahlen. Egal, aufgrund letzterer Kontakte hatte ich die und so bekam ich dort meine Mojitos für umgerechnet kaum mehr als 50 Cent kredenzt. Die beiden Kellnerinnen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die eine hübsch, freundlich, rundlich, der englischen Sprache mächtig und offenbar an mir interessiert, die andere nicht weniger hübsch, aber weniger rundlich und überhaupt nicht freundlich, nur spanisch sprechend und kein bisschen an mir und meinen plumpen Anmachereien interessiert. Natürlich wollte ich genau die, aber um nur irgendwie an sie ranzukommen, benötigte ich ihre übersetzende und somit von mir „missbrauchte“ Kollegin. Zweifelte anfangs auch an der Richtigkeit ihrer „Traduccion“, da danach noch immer kein müdes Lächeln der begehrten Kollegin zu entlocken war. Erst beim 3. Besuch entkam ihr so ein Lächeln, obwohl’s eher wie Auslachen wirkte, da ich mich mit meinem holprigen Spanisch komplett blamierte, aber immerhin! Mit Händen und Füßen, wildem Gestikulieren und meinem Langenscheidt, fand ich auch ohne Hilfe der hübschen Rundlichen heraus, dass sie Dunia hieß und eigentlich Mathematik (ausgerechnet Mathematik!?) -Lehrerin war, die sich den Gehalt halt mit Kellnerieren aufbesserte. Sie involvierte mich in ihre umtriebige und kein Fest auslassende Clique, zu der ich natürlich auch bald Waltraud und Manuel mitnahm & sie bewohnte mit mir das noch nicht benötigte Kinderzimmer ihrer Cousine und dachte ernsthaft, mir das Salsa-tanzen beibringen zu können!? Ein Jahr danach weilten wir am „Standesamt“ von Camagüey, aber nicht so sehr um legale Ausreisemöglichkeiten für sie zu schaffen, nein sie wollte mich zum Kubaner machen und einfach nur heiraten. Klang tatsächlich reizvoll für mich, aber was soll’s, nach und nach fielen mir Gründe genug ein, mein Leben nicht so sehr verändern zu wollen. Dennoch konnten wir gemeinsam auch noch im darauffolgenden Jahr, relativ unbeschwert Konzerte u. Feste, im Großen wie im Kleinen und Besuche in Paradiesen wie Santa Maria, Santa Lucia und Guardalavaca genießen. Auch das tabakbepflanzte bizarre Vinales-Tal im Westen, Santiago im Süden und vor allem Baracoa im Osten der Insel gefielen mir außerordentlich. Und Dunia? Obwohl sich mein Leben bald tatsächlich, aber ganz anders veränderte, bin ich mit ihr noch heute, wie ich meine, in erfreulichem Kontakt…

Als Waltraud und ich damals im tiefsten Winter 2010/11 zurückflogen, war absolutes Chaos in Frankfurt, angeblich wegen unvorhersehbaren 5 cm Schnee auf der Rollbahn und unser Weiterflug nach Wien fiel aus. Mit unzähligem Herumrennen von Agentur zu Agentur, Schalter zu Schalter und Stolpern über andere frustrierte Gestrandete, schafften wir es 5 Stunden später doch noch, einen Ride nach Schwechat zu ergattern. Mein letztes Geburtstagsfest feierte ich mit 29, dann gab‘s eine Schachtel Priorin (sautauer, aber es wirkt! Oder auch nicht…) als Geschenk und fortan kein Geburtstagsfest mehr. Denke noch immer, dass auch Waltraud nichts davon wusste(?), dass meine wahnsinnigen Freunde, Kollegen, Musiker & Innen (sogar mein Bruder und mein Wirt waren bei dieser Verschwörung dabei) mich am Flughafen zum 50er überraschen kamen. Bepackt mit einer riesigen Ziehharmonika, die sie mir allesamt rotäugig überließen und jede Menge Schnaps und sonstigem Alkohol, den sie nach fünfstündigem Warten und Ausharren schon ordentlich dezimiert hatten, lallten sie mir, trotz Anwesenheit unzähliger Flugreisender, vielststimmig Jubelgesänge entgegen und ich konnte dies kaum würdigen, da ich völlig fertig, übermüdet, überfordert und ang’fressn auf die Pief… war. Hätte ich’s geahnt, hätte ich versucht, einen Hinterausgang zu finden, hab ich aber nicht und bin voll in die Falle geraten. Blieb mir nur noch eine Möglichkeit, ich entriss dieser Bande den verbliebenen Alk und trank sie mir lieb und schön, diese meine lieben und schönen und wahnsinnigen GratulantInnen.