23) Umwelt

Ja, es nervt auch mich, kritisiert zu werden, wenn ich mein geliebtes Motorrad sattle und in die Berge reite. Meine Ausreden, dort nur per pedes die Almen und Hütten zu erklimmen, kommen wahrscheinlich zu halbherzig. Der Weg ist sehr wohl auch das Ziel und ich genieße die kurvenreiche Strecke dorthin zu surfen oder zu wedeln ungemein. Aber natürlich ist jeder einzelne von uns mitverantwortlich oder aufgefordert, das Schlimmste zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Und immer auf andere noch viel Fahr- oder Nachlässigere hinzuweisen, um den eigenen Lahmarsch zu rechtfertigen, führt zu nichts, auch nicht nach folgender Erkenntnis. Wenigere wohlhabende Menschen tragen weit mehr zum Klimawandel bei als die ärmere Mehrheit! Laut aktuellen Berechnungen sind die 10% Vermögendsten für 2 Drittel des CO2-Ausstoßes und der damit verbundenen Erderwärmung verantwortlich. Sie liegen mit ihrem Konsumverhalten gut 10-mal so hoch, als es jedem einzelnen für maximales CO2-Budget unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit zustehen würde. Die reichsten 1% liegen gut 20-fach darüber! Aber die vielen 90% aller Menschen bewegen sich da halbwegs im zulässigen Rahmen und die meisten davon, ob sie wollen oder nicht. Es wäre wahrlich ein Segen für die verbleibende Menschheit und davon bin ich überzeugt, wenn Musk, Bezos, Zuckerberg, Thiel und ähnliche Zombies, wie von ersterem schon angekündigt, sich auf den bedauernswerten Mars vertschüssen würden. Durchaus mitsamt ihrem durch Lug und Betrug ergaunertem x-fachen Milliardenvermögen, das man natürlich in den Kampf gegen Klimawandel und Hungersnöte stecken könnte. Aber nein, allein schon, dass dieses „Kapital“ nicht weiterhin für Hunger, Krieg, Zerstörung und Ausbeutung „arbeiten“ könnte, würde unsere Welt, den roten Planeten dann halt ausgenommen, zu einem wahrlich besseren Ort machen. Gerade als Reisender in die sogenannte 3.Welt bekomme ich immer mehr und öfter die Auswirkungen des Klimawandels zu Gesicht. Und immer öfter lerne ich Menschen kennen, die derart Todesopfer in Familie, Verwandt- oder Nachbarschaft aufzuweisen haben. Und gleichzeitig wird mir bewusst, durch meinen Flug dorthin selbst dazu beigetragen zu haben. Und immer mehr Menschen, andere Menschen, lerne ich kennen, die quasi zum Drüberstreuen oftmals im Jahr auf Städtetrips fliegen. Die monatlich geflogenen Dienstreisen für nicht selten destruktive Jobs will ich jetzt gar nicht erst breittreten. Fährt irgendjemand in meiner Umgebung noch kein 2-Tonnen-SUV? Natürlich zwinge ich mich zu reduzieren und lebe inzwischen viel bewusster, als ich mir das je vorstellen hätte können. Maximal 1 x im Jahr fliegen, nie und nimmer eine Kreuzfahrt buchen, was für mich ohnehin die Höchststrafe wär, ein (bewohnbares u. schnelles) Auto mit 4 Litern Verbrauch und kaum 100 Gramm CO2-Ausstoß pro Km (mein Moped säuft mehr!), Radfahren, Hatschen und kein Fleisch zu essen, ist und bleibt meine Ausrede, ist und bleibt aber dennoch zu dreckig…  „Though it is not easy, I was surching for the truth, loosing lots of old friends, ‘cause the road to her’s not smooth. Diggin’ in the dirt, swimmin’ through the mud, all along there’re hands of lie, tell me how to take ‘em not!”

Die Notwendigkeit von Windrädern und Solaranlagen aller Art wird vielerorts diskutiert. Einige Standorte der wachelnden Monstrümmer lassen wirklich Fragen und Zweifel aufkommen, aber gerade in diesen Zeiten, wo uns die (vor allem fossile) Abhängigkeit von den größten Verdreckern unserer Welt, wie China, Amerika und Russland deutlich vor Augen führt, in welch üble Sackgasse uns dies führt, sei doch darüber ein wenig hinweg gesehen, dass manch Orts- oder Landsbild möglicherweise beleidigt wird.

Neulich pilgerten wir nach Eßling zur großen Kundgebung gegen die Verbauung der Lobau und den umstrittenen Tunnel. Wir starteten mit den Motorrädern aus dem westlichen Wienerwald und tauschten diese dann in Meidling gegen unsere Fahrräder, da Katharina es für peinlich hielt, ausgerechnet bei solcher Veranstaltung mit ersteren vorzufahren. Hab das selbst nicht so gesehen, wären doch früher dort gewesen und hätten noch mehr mitbekommen. Egal, Radfahren ist ja eh auch eine meiner Leidenschaften und zuviel Steigung gibt’s bis ins östlichere Transdanubien auch nicht. Die meisten Reden und auch die musikalischen Beiträge betrafen den ökologischen Aspekt, durch Hermann Knoflacher’s Expertise wurde auch klar, welch verkehrspolitischen Irrsinn dieses Projekt darstellt. Wieso erinnert mich diese Geschichte so sehr an Zwentendorf. Die zig-millionenschweren zerstörerischen Aufträge wurden schon lange vor zaghafter Miteinbeziehung der Anrainer und eventueller Kritiker erteilt und wiedereinmal gibt’s das Argument, aus welch fragwürdigen Argumenten auch immer, nicht mehr zurückrudern zu können. Ärgerlich finde ich natürlich, dass ausgerechnet eine Partei des „geringeren Übels“ diese Blödheit vorantreibt. Dass die Partei des wirklichen Übels, die aktuell den größten Zuspruch im Lande genießt, jegliche Verbauung, Versiegelung und Vergiftung befürwortet, steht ohnehin außer Frage. Und um diese wahre Katastrophe zu verhindern, oder so lange wie möglich fernzuhalten, muss ich wohl zur gerade noch zustande gekommenen 3er-Koalitionsregierung im Bund aus Schwarzen, Roten und Pinken stehen, leider! Um mit einer ÖVP gemeinsam und halbwegs in Eintracht zu agieren, können die beiden anderen offenbar nicht anders, als bei Umwelt, Menschlichkeit und ausgerechnet bei den ohnehin schon Benachteiligten zu sparen. Seit 47 Jahren bin ich und viele meiner FreundInnen begeisterte Lobau-Bader und in der ersten Halbzeit davon auch urfromm an der „Dechant“lacke. Wir hätten uns dieses kleine Paradies und wiener Juwel gerne auch weiterhin gegönnt…

Treffender Kommentar von Colette M. Schmidt im Standard des Juni 2026:

Verharmlosender Umgang mit der Klimakrise: Mit Wasserball und Sonnencreme in die Apokalypse

Die extreme Hitze, die derzeit ganz Kontinentaleuropa erlebt, ist lebensgefährlich und zeigt auch die Grenzen unserer Infrastruktur auf, die nicht für solche Temperaturen gemacht ist. Neun Tage über 30 Grad zählte man im Schnitt in den 1970er-Jahren noch in Wien. Heute sind es ungefähr 50. Auch die Landwirtschaft wird darunter zusammenbrechen

Spiel mit der Angst

Wie schafft es die „Heimat“-FPÖ, die Veränderung selbst gegenüber Menschen, die sich an die 1970er erinnern, zu leugnen? Und wie schaffen es die Verbrenner-Fraktion der ÖVP und die Lobau-Tunnelgraber der SPÖ, die Situation herunterzuspielen? Bei rechtsextremen Parteien ist es die immer gleiche Strategie. Das Spiel mit der Angst der Menschen. Krisen, die der FPÖ zupasskommen, werden aufgeblasen. Der Migrant, der einem die Wohnung, den Job und am Ende die Frau wegnimmt, lauert an jeder Ecke. Doch eine Krise, die den gesamten Planeten bedroht, wird weggeredet. Das funktioniert auch, weil viele Menschen für komplexe Probleme gerne einfache Lösungen und Sündenböcke akzeptieren, aber keine notwendige Verhaltensänderung. Dass sie dabei auch die eigene Erinnerung ignorieren, hat psychologisch mit einem sogenannten Shifting-Baseline-Syndrom oder dem Syndrom der sich verschiebenden Ausgangsbasis zu tun. Weil die Tage eben nicht von einem Sommer auf den nächsten von neun auf 50 anstiegen, wird die Änderung schleichend als normal angenommen.

Naturkatastrophen

Dabei wissen wir: Das war noch gar nichts. Extremhitzeperioden und Naturkatastrophen werden exponentiell zunehmen. Glück gehabt, wenn man in einem klimatisierten Büro arbeitet und dann vielleicht im kühlen SUV ins Wochenendhaus im Grünen flüchten kann. Doch auch diese Menschen sollten, wenn sie ihre Kinder und Enkelkinder nicht hassen, vehement eine wirksame Klimapolitik einfordern. Was passiert stattdessen: Jene, die am meisten unter der Klimakrise leiden, haben sie am wenigsten verursacht. Hier und in der Welt. Klima-Shaming von Einzelpersonen ist daher ungerecht. Vielmehr liegt es in der Verantwortung von gewählten Parteien, Klimaschutzmaßnahmen von der Renaturierung bis zu den leistbaren Öffis sofort umzusetzen. Stattdessen schielen populistische Parteien nach dem, was das „Volk“ gerne hört. Menschen, die kein Fleisch essen und auf das Auto verzichten, werden als Spinner dargestellt. Eine Mobilität, bei der eine Person mit über einer Tonne Metall und Kunststoff durch die Gegend kutschiert wird, gilt aber als normal. Massenhafter Fleischkonsum als „Genuss“. Menschen, die gerne auch im Alter noch trinkbares Wasser hätten, werden als Hysteriker abgetan.

Betrogene Generation

Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten, überwiegend junge Menschen, die sich zu Recht um ihre Zukunft betrogen fühlen, wurden erfolgreich von den Straßen geräumt. Neben der Politik hätten auch die Medien die Verantwortung, eine so historische Bedrohung der Menschheit adäquat zu behandeln. Geschichten über das „Wetter“, bebildert mit Kindern, die mit Wasserbällen in einen See hüpfen, wenn es darum geht, dass wir hier Temperaturen wie in Bagdad haben, sind eine Verharmlosung. Das haben populistische Parteien mit Boulevardmedien gemeinsam: Nicht Aufklärung und Problemlösungen stehen im Zentrum, sondern Macht, Gewinne und Ablenkung. Hier gehört das Klima-Shaming tatsächlich hin. (Colette M. Schmidt, 26.6.2026)