Kurz bevor ich mich jetzt wieder ans Schreiben machte, las ich in der Zeitung von schweren Unwettern und Verwüstungen auf den westlichen Kapverdischen Inseln. Schon länger und immer öfter betreffen die Auswirkungen des Klimawandels vorwiegend die allerärmsten und entlegenen Länder, die nur wenig zum CO2-Ausstoß und zur Erderwärmung beitragen. Aber keine Sorge, früher oder später werden auch Amis, Chinesen, die Inder und wir die Zeche zahlen. „Alien“ Musk & „Amazon“ Bezos samt ihren verbrecherischen Unternehmungen verursachen mehr Dreck als ganze Länder der 3. Welt! Für die westlich von Senegal im Atlantik liegenden Kapverden ist derartiges Szenario auch relativ neu. Ich war bislang 3-mal dort und möchte trotz deutlichen Zurückfahrens der Fliegerei gern wieder hin, denn trotz oftmaligen Leugnens eines Heimatgefühls, dort spür ich derartiges schon ganz gut. Unterschiedlichste Inseln zwischen Ost und West, mit bizarren bergigen Felsenpyramiden einerseits und sandigen karibisch anmutenden Traumstränden andererseits. Und überall die denkbar nettesten und freundlichsten Menschen, meist Nachfahren entflohener Sklaven. Bis Mitte der 70er-Jahre waren die Inseln portugiesische Kolonie, daraus resultiert nicht nur die Amtssprache, sondern auch der melodische Einfluss in der ganz speziellen Musik, die natürlich rhythmisch westafrikanisch geprägt ist, manchmal aber schon fast nach Brasilien klingt, ähnlich wie es die geografische Lage vorgibt. Auf Sao Tiago lernten wir einen umtriebigen Perkussionisten namens Abelardo kennen, mit dem wir nicht nur trommeln durften, er durchwanderte mit uns auch die schönsten, entlegensten und abenteuerlichsten Flecken der Insel. Einmal nahm er mich zum Ertauchen von Oktopussen und Riesenlangusten mit. Während ich an der Oberfläche herumgurkte und es nicht nach unten schaffte, war er schon gute 8 bis 9 Meter tiefer bei den Meeresfrüchten. Da ich dachte, länger unter Wasser sein zu müssen, nahm ich zu viel Luft mit und war dadurch zu aufgeblasen, um runterstrampeln zu können. Auch ohne Luft tat ich mir schwer, so nahm ich mir, nach Abelardo‘s Rat, einen schweren Stein mit, den ich allerdings nach ungefähr 3 Metern fallen ließ, da mir dieser „Abstieg“ dann doch zu schnell vorkam. Während ich wie ein Pfeil wieder nach oben schoss, verfehlte der Stein meinen Freund und seine Viecher nur knapp. 20 Jahre später sollte Abelardo doppelt so breit und schwer sein und als sowas wie ein Ortsvorsteher unschön autoritär und rigid mit seinen Leuten umgehen. Ich verzichtete auf einen Besuch bei diesem Besuch. Damals war erstmals Katharina an Board und erstmals „erforschten“ wir die zu Unrecht kaum heimgesuchte Sao Nikolaou -Insel, die sich für uns fast schon als „Best Of“ präsentierte. Da ich den dortigen Aufenthalt nur knapp überlebte, allerdings auch als das Gegenteil, natürlich aus eigenem Verschulden und einer peinlichen Naivität wegen. An einer spektakulär schönen Felsformation an der Südwestküste, wohin wir nur umständlich per angehaltenen LKW gelangten, befanden sich auf unterschiedlich hohen Ebenen Becken, die immer wieder durch die hohe Brandung befüllt oder bespült wurden. Ich beobachtete dies gute 20 Minuten lang, bis ich in das größte derartige Becken hüpfte. Es dauerte nicht lange, bis sich Katharina die Kehle aus dem Mund schrie und ich eine riesige Wasserwand auf mich zukommen sah. In totaler Schockstarre, wie ein Kaninchen vor der Schlange, verharrte ich, anstatt zu letzterer hochzuklettern, was sich da durchaus noch ausgegangen wäre. Die Monsterwelle katapultierte mich rücklings 6 bis 7 Meter am Fels entlang landeinwärts, bis fast meine komplette Heckansicht aufgeschlitzt war. Wie durch ein Wunder konnte ich mich gerade noch aufrappeln und zu Kathi hochkriechen, ehe der nächste Reserve-Tsunami hereinbrach. Sie griff sich all unser beider Gewand, um mich zu verbinden und halbwegs dicht zu bekommen. So rasch es ging bewegten wir uns zur Straße hoch und hielten das erste Fahrzeug auf, um in die nächste Stadt zu gelangen. Das war ein Schulbus und die anschwellende Blutlache unter mir verängstigte die anwesenden Schüler zutiefst. In einer Sanitätsstation wurde ich sofort und tadellos verarztet, „verflixt“ und zugenäht, bekam einen detaillierten Brief mit, damit mich Krankenhäuser anderer Orte und Inseln effizient servicieren konnten und durfte vorerst länger nicht ins Meer, wenn es sich auch noch so ruhig und harmlos gebärdeten sollte. Tage später in Ribera Grande auf der neben Fogo gebirgigsten Insel Santo Antao kehrten wir, ich noch mit umfangreichem Verband, in ein belebtes und offenbar beliebtes Lokal ein, dessen Ghetto-Blaster unheimlich leiwande Musik von sich gab. Als so etwas wie afrikanische Dire Straits hätte ich’s gesehen …oder gehört und ich fragte den Wirten danach, der ganz stolz erwiderte „it’s my brother and his band!“ und als eine halbe Stunde später die Tür aufging, ergänzte er noch „hey man, here comes Julio, my brother!!“. Natürlich belästigte ich diesen und schmierte ihm, ob seiner fantastischen rauchigen Stimme, jede Menge Honig ums Maul. Ein anwesender örtlicher Gitarrist ließ mich nach meinen großspurigen und nicht mehr ganz so nüchternen Ansagen sein Instrument würgen und siehe da, Julio gesellte sich mit seiner unglaublichen Stimme zu mir. Ich versuchte typisch kapverdischen Grooves und mollige Akkorde, über die er improvisierte, ehe wir bei einer extended version von „Stir It Up“ landeten. Wir luden sich noch gegenseitig ein und schmiedeten Pläne, uns wechselweise zu besuchen, um zu musizieren. Naja, bis jetzt fand, bis auf recht fröhlicher Korrespondenz mittels Katharina, nichts dergleichen noch statt. Na schau ma moi, daunn seh ma eh. Bei meiner bislang letzten Reise auf die Kapverden besuchte ich erstmals auch Fogo mit seinem (oder ihrem) mächtigen gleichnamigen Vulkan und hervorragendem Wein an seinen Hängen und Boavista samt stimmungsvollen Dünenlandschaften und hell- bis weißsandigen, türkisest bewässerten Stränden. In einer kleinen Hinterhofgasse des Hauptortes hörte ich jemanden musizieren und meine Neugier nötigte mich durch den Türspalt zu spechteln. Augenblicklich wurde ich von der „Matriarchin“ nach drinnen gezerrt, bekam ein Glas Grog gereicht und der 94-jährige Urheber der verlockenden Klänge bat mich zu sich. Einst war er, wie sich herausstellte, ein kapverdischer „Superstar“ und hatte auch mit Cesaria Evora in Mindelo, der Musikkapitale von Sao Vicente, gespielt. Deren bekanntestes Lied „Sodade“, über Sehnsucht und Heimat(!), brachte er mir, begleitet von seiner zerschundenen Uraltgitarre, mit viel Geduld und 2 weiteren Gläsern Grog dort bei.


Jetzt bin ich schon wieder da! Wir schreiben die ersten Jännertage von 2026 und ich musste die bislang einzige von mir ungesehene bewohnte Kapverdeninsel, nämlich Maio, heimsuchen. Komm grad von einer 25 km Strandwanderung zurück in den Hauptort. Keine Menschenseele weit & breit, höchstens neugierige Streunerhunde, Schweine, Ziegen, vereinzelt Kühe, farbenprächtige Vögel und natürlich Schmetterlinge. Ein wahrer Traum hier zu schwimmen sowieso. Und endlich, ja tatsächlich hab ich hier „meinen“ ewig schon gesuchten Turm gefunden. Lange werde ich hier dennoch nicht verweilen, denn ich bin ja überall zu Hause… oder nirgends! Trotzdem läßt es mich jubilieren, endlich mal was abgehakt zu haben. Und Wehmut kommt auf, da ich mich von den gerade erst gefundenen „Stammbeisln“, welche ich im Ösiland kaum mehr kenne, bald wieder trennen muß. Schade, daß ich’s dem Imlach Hamish nicht mehr erzählen kann…











